Ausgabe 08 - 2000berliner stadtzeitung
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Versteigerung, die Dritte

Das autonome Kulturzentrum Køpi soll wieder unter den Hammer kommen

Brachgrundstücke, zerfallene Fabrikanlagen und Gewerbegebäude prägen die Köpenicker Straße zwischen Mitte und Kreuzberg. Das autonome Kulturzentrum Køpi ragt aus dieser tristen Umgebung hervor. Alles begann 1990 mit der Besetzung des leerstehenden Gebäudes und der Gründung eines BewohnerInnenvereins. Von Anfang an verstand sich die Køpi nicht nur als reines Wohnhaus, sondern auch als nicht-kommerzielles autonomes Kulturzentrum. Inzwischen ist sie ein international bekanntes Projekt. Zum Programm gehören kostenloses Kino, Konzerte, Disco und Solidaritätsveranstaltungen ebenso wie vegane/vegetarische Volxküchen, politische Diskussionen sowie der Kneipenbetrieb auf Selbstkostenbasis. Im Gebäude und der angrenzenden Wagenburg leben zur Zeit 70 Menschen.

Die Køpi wird immer wieder durch Gebäude- und Grundstücksspekulanten bedroht. Die Bewohner haben zwar seit Mai 1993 Einzelmietverträge mit der WBM, die bis heute gültig sind, doch das Grundstück samt Haus und Garten wurde 1996 an eine Erbengemeinschaft rückübertragen. Der neue Eigentümer Petersen & Partner KG, die Firma des Ku´damm-Spekulanten Volquard Petersen, veranlasste umgehend eine Räumungsklage, die jedoch vom Amtsgericht Mitte abgewiesen wurde.

Petersen verspekulierte sich. Sein Unternehmen meldete Anfang 1998 Konkurs an, weil er Schulden in Höhe von ca. 3,8 Millionen Mark - davon 2,2 Millionen bei der Commerzbank Berlin - hatte. Die Commerzbank leitete daraufhin beim Amtsgericht Berlin-Mitte ein Verfahren zur Zwangsversteigerung des Grundstücks und Gebäudes Köpenicker Straße 137-138 ein. Im April 1998 übernahm ein vom Gericht eingesetzter Zwangsverwalter die Hausverwaltung.

Zwei Versuche gescheitert

Für den 16. Februar 1999 war der erste Versteigerungstermin angesetzt. Insgesamt 5,4 Millionen Mark sollte die Zwangsversteigerung einbringen. Doch es fand sich kein Käufer für die Køpi. Dazu hat auch die erfolgreiche Mobilisierung der Bewohner beigetragen. Am 13. Februar 1999 beteiligten sich 2000 Menschen in Kreuzberg an der Demo unter dem Motto „Køpi verteidigen". Am Tag der Versteigerung gab es eine Kundgebung vor dem Gericht.

Die Ruhe dauerte nicht lange, denn für den 2. November 1999 war der zweite Versteigerungstermin vorgesehen. Erneut organisierte sich der Protest. Nach verschiedenen Aktionen im Vorfeld der Versteigerung wurde das Zwangsversteigerungsverfahren einen Tag vor der geplanten Demo am 30. Oktober, wegen fehlender Kaufinteressenten vorübergehend eingestellt. An der Demo beteiligten sich trotzdem 2000 Menschen, die potenziellen Käufern zeigten, dass die Køpi den Bewohnern und nicht der Commerzbank gehört. Daran konnten auch die rücksichtslosen Übergriffe und Verhaftungen von Seiten der Polizei nichts mehr ändern.

Unverhofftes Wiedersehen mit Herrn Petersen

Das neueste Kapitel in der Versteigerungsposse um die Köpenicker 137 begann im Frühjahr 2000. Vom Amtsgericht Mitte wurde die Zwangsverwaltung für das Gebäude aufgehoben, da sich die Commerzbank weigerte, die entstandenen Kosten in Höhe von 40 000 Mark zu übernehmen. Sämtliche Verhandlungsversuche des BewohnerInnenvereins, für die Køpi eine Selbstverwaltung durchzusetzen, sind gescheitert. Jetzt ist der Ku´damm-Spekulant Petersen wieder der formale Besitzer. Er hat bei der Commerzbank und anderen Banken zur Zeit 5,4 Millionen Mark Schulden.

Wie die Bewohner Mitte Juli erfahren haben, will die Commerzbank für das Haus einen „Notverwalter" einsetzen. Die Bank behauptet, das Haus wäre nicht mehr bewohnt, weil die Mieter keine Miete zahlen würden. Die Hausbewohner vermuten dagegen, dass die Commerzbank mit dem neuen „Notverwalter" das gesamte selbstverwaltete Haus- und Kulturprojekt abwickeln will.

Am 29. August steht der dritte Versteigerungstermin an. Die Køpi ruft erneut zu Aktionen auf, um die Versteigerung auch diesmal zu verhindern. Bisher sind verschiedene Konzerte, ein Frühstück, sowie ein Fußballturnier geplant. Jochen Mühlbauer

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