Ausgabe 03 - 2000berliner stadtzeitung
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Das kleine Ich-bin-Ich

Die Leiden des jungen Räubers Kneissl im Theater im Kino

Das Leben als Halbgott kann beschwerlich sein. Schlichte Gemüter bekleckern einem die Medienfassade mit ihren feuchten Sehnsüchten, sensationslüsterne Reporter sabbern einem die Hacken voll und die Ordnungshüter wittern oftmals Subversion. Die Flucht aus dem Ikonenleben ist meist die vorerst letzte: Diana gab Gas, Elvis gab sich Pillen und Fast Food, Curt Cobain sich die Kugel. Und was macht Kneissl? Kneissl macht das, was einer Ikone am wenigsten verziehen wird: Er wirbt um Verständnis, er argumentiert, er macht sich gemein. Kneissl will "Ich" sein. Doch "Ich" ist wie meist ein anderer und Kneissl ist Kneissl: der Wilddieb, der Räuberhauptmann, der Outlaw. Als bayerischer Robin Hood brachte es der historische Kneissl zu ambivalenter Berühmtheit: als gefürchteter Krimineller und bewunderter Proto-Anarchist in Personalunion. Die Räuberpistole aus der Heimat von Kasperle und Kroetz hat der Landsmann Wolfgang Maria Bauer zum Dramolett "Der Schatten eines Fluges" verarbeitet, die Nachwuchs-Regisseurin Karen Schneeweiß hat sie nun am Theater im Kino (tik) inszeniert: Nicht als schrille Medienkritik, nicht als Partisanenlehrstück sondern als intime Pubertätsallegorie. Kneissl, das ist hier der Schrecken der Adoleszenz zwischen Halbott und halber Portion.

Der cowboyhafte Einzelgänger verführt zur fixen, aus der Hüfte geschossenen Projektion: Da schwärmt der flüchtige Kneissl (Marko Schmidt) beim TÉte-ł- TÉte im Waldversteck mit seiner Geliebten Mathilde (Undine Backhaus) von selbstbestimmter Identität und Freiheit. Sie spielen gefährliche Liebe, Räuberliebe, er berühmt und einsam, sie verführerisch und ehrgeizig - und die Räuberflinte ist immer dabei: Das riecht verdächtig nach Courtney Love und, eben, Kurt Cobain. Nur: Mit Suizid hat Kneissl gar nix am Räuberhut.

Zu Hause bei Kneissls: die Mutter bekocht ihren Sohn wie überall, aber die Kneissls sind eine Räuberfamilie und Mama beschwört ihre solide Räubererziehung: "Ich habe dich gerüstet gegen die Adler." Eine frohe Anarcho-Sippe mit Standesbewusstsein wie in Peter Paul Zahls "Die Glücklichen"? Mitnichten, denn der Filius ist keineswegs glücklich mit der Familientradition.

Der Gendarm Brandmeier schließlich drängt sich als früher Prototyp des Terroristenjägers und BKA-Präsidenten Horst Herold (Stichwort: Rasterfahndung) auf, wenn er wie dieser über die intime Beziehung des Jägers zum Gejagten salbadert: "Irgendwann sitzen Brandmeier und Kneissl am See und lassen die Beine baumeln." Jedoch: Kneissl mag Baaders Sex-Appeal haben, politische Motive kann er nicht ins Feld führen.

Kneissl träumt von Amerika, eine Welt jenseits des bayerischen Kasperltheaters, jenseits von Räuber und Gendarm. Ein fremder, antiquierter Traum zunächst, den auch die historische Ausstattung nicht näher bringt, der alte Frontiers-Traum. So besetzt "Amerika" eben die Chiffre des "ganz anderen", diese ganz jugendlichen Sehnsucht nach dem Ende des schmerzhaften Zwiespalts zwischen Rollendruck und Selbstdefinition. Schwer ist es, ein junger Halbgott zu sein.

Im übrigen: In Bayern, wo ja vieles anders ist, treibt sich ein Wesen namens Wolpertinger herum, eine skurrile Kreuzung aus allerlei Viehzeugs. In einem alten Kinderbuch ist solch eine Promenadenmischung auf der Suche nach Seinesgleichen, seiner Herde, seiner Identität. Nachdem es bei Pferd, Hund und Hausschwein abgeblitzt ist, kommt ihm der zündende Gedanke: Ich bin ich! Ein Halbgott war es allerdings nicht und auch kein Räuber, sondern nur: "das kleine Ich-bin-Ich".

Klemens Vogel

"Der Schatten eines Fluges" von Wolfgang Maria Bauer, Theater im Kino (tik), 31.3. und 1.4., 20 Uhr, fon 29000370

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