Ausgabe 03 - 2000berliner stadtzeitung
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"Wir lieben Pop und hassen den Kapitalismus"

Ein Interview mit Alice Nutter von Chumbawamba

Chumbawamba waren seit Mitte der Achtziger die Konsensband zwischen Punk, Mainstream und Pop. Ihre Alben standen immer unter einem hohen politischem Anspruch: Never mind the ballots war die Themenplatte in Sachen Wahlboykott , Picture of starving children setzte sich kritisch mit der selbstgefälligen Live-Aid-Inszenierung von Popstars für die Dritte-Welt-Hungerhilfe auseinander. War bis dahin musikalischer Widerstand nur über radikale Entwürfe wie Hardcore oder Punk denkbar, versuchten Chumbawamba Tanzbarkeit als Konzept umzusetzen. Zum ersten Mal tauchte damit so etwas wie ein lustbetonter Umgang mit politischen Inhalten in der linken Musikszene auf. Inzwischen sind Chumbawamba, nachdem sie ihr eigenes Label Agitprop aufgaben, bei dem Major EMI gelandet. Die Texte sind nach wie vor engagiert - ihre Musik allerdings so poppig, dass es anfängt weh zu tun - ein Fall für die Kommunikationguerilla?

Eure neue CD "WYSIWG (What You See Is What You Get)" belegt einen riesigen Themenpark: Von AIDS, über Medienmacht und Internet bis hin zum Showgeschäft mit Boygroups. Fehlt das große Thema am Ende des Jahrhunderts?
In der Tat ist "WYSIWG" eine Art Collage. Für mich sind das aber Themen, die am Ende des 20. Jahrhunderts durchaus eine große Rolle spielen. Wir werden ja geradezu bombardiert mit Bildern, Ideen, Produkten und rücken dabei immer mehr in die Rolle von passiven Konsumenten. Und das meine ich nicht nur im Sinn von Kaufen, sondern auch in dem von Informationskonsum. Es ist ja geradezu eine Sucht nach Nachrichten entstanden.

Musikalisch ist Chumbawamba mit den letzten Alben immer mehr in Richtung zuckersüßer Pop gewandert. Waren die ersten Platten noch verspielt, voller Samples und damit eben weniger mainstreamig, steht nun alles im Zeichen des Pop?
Chumbawamba hat sich immer verändert. Inzwischen können wir einfach das machen, was uns Spaß macht: Popmusik. Und außerdem sind wir ziemlich gut geworden, was Pop betrifft. Davon abgesehen ist Pop natürlich nicht der schlechteste Kanal, um viele Leute zu erreichen.

Dabei stellt sich die Frage, inwieweit euer Wechsel zum Musikmulti EMI damit zu tun hat.
Oh, eine gern gestellte Frage. Aber unser Stil und auch die Inhalte haben nicht das geringste mit EMI zu tun. Irgendwann war klar, dass wir es nicht mehr schaffen, unser eigenes Label zu betreiben und nebenbei noch unsere Musik zu machen. Beides wurde einfach zuviel. Und da uns die Musik wichtiger als die Labelarbeit war, mussten wir uns um Alternativen kümmern. Bei Verhandlungen stellte sich schnell heraus, dass wir bei EMI ziemlich gute Bedingungen eingeräumt bekamen - im Gegensatz zu verschiedenen kleineren Labels. Und bisher hat uns auch noch niemand reingeredet. Wir nehmen unsere Alben auf, schicken sie zu EMI und das waręs. Würden sie sich einmischen - wir würden auf jeden Fall das Gegenteil von dem machen, was sie wollen. Politisch hat sich dabei für uns nichts geändert. Auf eine Kurzformel gebracht ist es so, dass wir Popmusik lieben und Kapitalismus hassen. Wäre es anders, würden wir andere Musik machen oder nur noch Pamphlete schreiben.

Hat sich denn mit dem Erfolg nicht doch einiges verändert, zum Beispiel auf den Konzerten?
Das ist recht unterschiedlich. In Deutschland haben wir nach wie vor eine feste Basis an Fans, von daher hat sich die Stimmung auf den Konzerten seit unserem Erfolg nicht besonders verändert. Anders als in den USA, wo wie zuvor so gut wie unbekannt waren. Da hätte es vielen gereicht, wenn wir zehnmal hintereinander "Tumbthumber" gespielt hätten. Es ist auch schon komisch, wenn zwei Drittel des Publikums unter 12 Jahren alt ist.

Ein Blick auf eure Internetsite (www.chumba.com) zeigt, daß sich tatsächlich viele Jüngere für Chumbawamba interessieren und sich an euch wenden, um etwas über Anarchie oder politischen Widerstand zu erfahren. Es wirkt ein wenig so, als ob ihr für diese Jugendliche in die Rolle von großen Geschwistern gerutscht seid.
Das ist ein ganz guter Vergleich, auch wenn wir es so noch nicht gesehen haben. Das ist erst einmal ein tolles Gefühl, wenn genau diese Zwölfjährigen politisches Bewusstsein zeigen und nachfragen. Von daher spielt das Internet in unserer Kommunikation durchaus ein große Rolle. Wir wollen allerdings nicht als die abgeklärten politischen Besserwisser dastehen und den Leuten erklären, wie sie ihr Leben leben sollen. Uns geht es eher darum, die Skepsis vor allzu glatten Erklärungen zu vergrößern und zum Nachdenken anzuregen.

Wie sieht denn eure Zusammenarbeit mit anderen Projekten und politischen Gruppen aus, zumal ihr jetzt ja über Geld und Einfluss verfügt?
Eigentlich haben wir von Anfang an mit unterschiedlichen Organisationen zusammengearbeitet. Natürlich merken wir jetzt, dass wir den Blick auf Dinge lenken können, die sonst eher übersehen werden. Wir denken, dass es für uns nicht so notwendig ist, Gruppen wie Greenpeace zu unterstützen, die ja durchaus selbst für Aufmerksamkeit sorgen können. Unsere Unterstützung ist daher eher auf weniger prestigeträchtige Dinge gerichtet, wo andere vielleicht auch Angst haben, sich die Finger zu verbrennen. Wenn wir Gruppen unterstützen, die sich für politische Gefangene einsetzen oder wenn wir beispielsweise bei einem Solidaritätskonzert für gefeuerte Dockarbeiter in Liverpool auftreten, geht es uns darum, Publicitiy für diese Vorgänge herzustellen.

Entsteht mit Erfolg, Geld und der Aufmerksamkeit nicht die Gefahr, auf den Great RockęnęRoll Swindle hereinzufallen und sich selbst auch ein wenig zu ernst zu nehmen?
Zunächst mal ist es natürlich eine Hassliebe. Auf einmal da zu sein, worüber man vor Jahren noch gespöttelt hat, ist schon mehr als seltsam, trotzdem ist es natürlich auch faszinierend, diesen Zirkus von innen zu erleben. Aber ich glaube, wir waren nie in Gefahr abzuheben, was gut hätte passieren können, wenn wir - sagen wir einmal - alle erst 18 Jahre alt wären. Und obwohl wir natürlich inzwischen mehr Einfluss haben und von immer mehr Leuten gehört werden, überschätzt wohl keiner von uns seine Möglichkeiten.

Interview:
Marcus Peter

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