Ausgabe 08 - 1999berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Musik für die Massen

Pioniere, Tüftler und Experimentatoren

Wo das Gute liegt so nah - fangen wir vor der Haustür an und stellen fest: Fünf Jahre sind keine lange Zeit und doch muß man keinem Berliner erzählen, was in diesem Zeitraum alles bewegt werden kann. Kitty-Yo ist im musikalischen Bereich Paradebeispiel für ein Agieren mit erhöhtem Gestaltungswillen. 1994 sammelt sich in schnellster Zeit Sperriges mit deutschsprachigem Gesang unter Bandnamen wie Surrogat, Laub oder Brüllen um das frisch gegründete Label. Ergänzt wird die Palette durch das, was innerhalb kürzester Zeit den Namen Postrock erhält - To Rococo Rot oder Couch beispielsweise. Unter dem Titel "Freischwimmer" feiert das Label nun seinen Geburtstag mit einer Doppel-CD/LP. "Autodidakt" spiegelt die Zeit von 94 bis 97 wider, während "Staffel" den letzten zwei Jahren gewidmet ist. Wer bisher verpaßt hat, was dieses Label hervorzaubert, dem sei dieses Werk wärmstens empfohlen.

Auf eine gleichfalls recht erfolgreiche Geschichte kann das Berliner Duo "Terranova" zurückblicken. Welchen Raum sie mit "Close the door" (Stud!o K7) schließen wollen, scheint eindeutig. Alles klingt altbekannt: TripHopige Variationen, mal mit säuselnder Frauenstimme (Cath Coffey von Stereo Mcs) mal rein instrumental, mal mit der charismatischen Stimme Trickys, erzeugen den Eindruck von vertrautem Terrain. Trotzdem oder gerade deswegen schaffen Terranova Räume mit hypnotischer Tiefe. Und so glatt und reibungsfrei die Wände erscheinen, sind sie doch mit kleinen Widerhaken gespickt, die sich nach und nach aufstellen und sich dem samt-wohligen Abtauchen in Beliebigkeit und TripHop-Nostalgie entgegenstellen.

Nicht lange nach Neuem, kompromißlos Verspieltem zu suchen, muß man bei Plaid. Alles klingt so verzückt und in Acid getaucht, daß auch ohne Regenbogensonnebrille die Welt beim Hören deutlich ihre Farbzusammensetzung ändert. Wieso die beiden Soundtüftler Andy Turner und Ed Hanly ihr Album ausgerechnet "Rest Proof Clockwork" (Warp/Rough Trade) genannt haben, will bei all der Laisser-faire nicht einleuchten. Ein Blick in den CD-Player könnte zu der befremdlichen Beobachtung führen, daß das Laserlicht keine gerade Linie bildet, sich vielmehr elegant verknotet, windet, biegt und eine Menge Spaß mit Photonen, Quarks und anderen seltsamen subatomaren Wellen und Teilchen hat.

Die grundsätzliche Frage, was denn den "Planet Music" zusammenhält, stellt sich auch beim Hören des "Innerzone Orchestra". In einer furiosen Verschmelzung konstruiert der Detroiter Techno DJ Carl Craig in seinem Soundprojekt unter zur Hilfenahme von Jazz, Techno, HipHop und BreakBeats das Paradoxon einer implodierenden Zentrifuge: Vollkommen unmöglich zu sagen, ob sich die verschiedenen musikalischen Elemente gerade verdichten oder ob sie durch eine bevorstehende Explosion für immer und ewig auseinandergerissen werden. Und genau das scheint bei "Programmed" (Universal) der gewünschte Effekt zu sein: Die musikalischen Standarts zu bastardisieren, daß Zuordnungen ihren Sinn verlieren. Das glaubt beim Lesen natürlich keiner.
Marcus Peter

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  Ausgabe 08 - 1999