Ausgabe 10 - 1998berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Theater treffen

Die Dame vom Festspielbüro sagte am Telefon zu mir: " Gerade für Ihr Blatt eignet sich das Programm in diesem Jahr. Wir haben doch die beiden Baracke-Inszenierungen dabei. Und auch den Schleef, der ebenfalls nicht so angepaßt ist." Dann sagte sie noch etwas von alternativ und Szene. Schön, mal wieder daran erinnert zu werden, irgendwie dazuzugehören. Fragt sich nur wozu. Aber die Identitätskrise blieb aus. Also freute ich mich auf ganz viel Hochkultur und den Besuch von mir bis dato unbekannten Theatern, die normalerweise nur das Falsche spielen oder einfach zu weit weg sind. Das Schillertheater und die Freie Volksbühne nämlich. In den beiden erwähnten lief dann auch das Hauptprogramm. Im Schillertheater auch die Premierenfeier, deren einzige lebendige Teilnehmer die Baracke-Leute waren, die sich ganz gammelig auf den schönen Teppichboden setzten und sich am Wein gütlich taten. Der Rest zeigte sich standesgemäß schwarzgewandet. Radunski hat am Anfang der Feier etwas gesagt und die auf das kalte Büffet gierig starrenden Gäste dazu aufgefordert, den Künstlern des Abends den Vortritt zu lassen. Da hatte er schon was Gutes gesagt?! Ansonsten waren sich alle einig, daß es schön ist, daß man da ist und daß es fast so ist wie früher in der Frontstadt, so kam es mir jedenfalls vor. Man blieb ganz unter sich, schön in den alten, heiligen (West) Berliner Theaterhallen. Hinterher ging man dann dahin, wo man immer hingeht. Notfalls nach Hause in Charlottenburg.

Dieses Jahr schien die Publikumsbeschimpfung bzw.-herausforderung en vogue zu sein. Kriegenburg ließ schimpfen vom Darsteller des "Volksfeindes". Schleef überließ das den Leuten selbst. Innehalten, Insichgehen war weniger gefragt. Selbst das Marthaler-Stück war lustig und kurzweilig, was die erste Hälfte angeht. Nach der Pause wurde dann erwartet, daß es so weitergehe. Tat es aber nicht. Eine halbe Stunde moderne Klassik auf russisch ohne Obertitel. Schwere Kost, die viele nicht ertrugen.

Ähnliches bei Schleefs "Salome"-Inszenierung. Der Vorhang ging hoch, und es passierte 20 Minuten lang gar nichts. Mit sich und den statuarisch gruppierten Schauspielern auf der Bühne allein gelassen, wurde im Saal ein bißchen gekichert, dann gefordert, endlich anzufangen. Daß dieses Stilleben dazugehören könnte, darauf kam man nicht oder wollte es nicht merken. Irgendwann stritten sich zwei Frauen. Die eine wollte Action, die andere Ruhe zur Konzentration. Da ging der Vorhang endlich zur Umbaupause herunter. Alles kalkuliert und sehr wirksam.

Hinterher haben alle geklatscht. Mir war aber nicht klar, ob sie das Stück meinten oder vielmehr die kurze Rede, die Einar Schleef vor Beginn hielt, in der es darum ging, daß nun endlich im Schillertheater mal wieder Kunst zu sehen sei, und daß er selbst sich freue, im Schillertheater wieder auf der Bühne zu stehen. Wieder waren sich alle so schön einig. Vielleicht freuten sie sich auch nur.

Kriegenburgs "Volksfeind" forderte ebenfalls Langmut von den Zuschauern. Wer sich dann aber entschlossen hatte, nicht in der Pause zu gehen, wurde mit einem schönen Stück Volkstheater belohnt. Darsteller Roland Koch rannte, turnte und schrie gegen Dummheit und Beschränktheit an. Er setzte sich auf die im Rangfoyer der Freien Volksbühne befindliche Plastik und kletterte eine Leiter hoch und hielt Reden gegen die Dummen, die allen Freigeist erstickten, und die leider in der Mehrheit seien. Wie Recht er damit hatte, konnte man auch im Publikum betrachten. Sie lachten über sich selbst und merkten es nicht einmal. Endlich einmal wieder politische Agitation im Theater, ohne daß Blut oder irgend etwas anderes Ekliges großzügig verteilt wird. Daß Kriegenburg an der Volksbühne gelernt hat, ist nicht zu übersehen, macht aber nichts.

Ein Kritiker und diesjähriges Jurymitglied fragte sich im Vorfeld des Treffens in "seiner" Zeitschrift nach der Sinnhaftigkeit des Unterfangens. Das tat ich zwischendurch auch kurzzeitig. Und das ganze Theatertreffen zu beurteilen ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich. Immerhin ist es für Interessierte eine gute Möglichkeit sich einen, wenn auch von einer Jury subjektiv ausgewählten, Überblick über die deutschsprachige Theaterlandschaft zu verschaffen. Und das ist auch schon was.

ib

Neokonservativer Rollback?

Mit "Indien" verabschiedete sich das "Theater Affekt" nach Basel - womöglich nur auf Zeit Ein Rückblick.

Tom Till (PR und Management), Lars-Ole Walburg (Regie), Thomas Jonigk (Dramaturgie), Ricarda Beilharz (Bühne und Regie) und Regisseur Stefan Bachmann, nun alle Anfang dreißig, bildeten von Anfang an nicht einen Kern; sie waren "Affekt". Die Tücken, mit denen junge Gruppen stets am Anfang zu kämpfen haben, machten sie zum Programm. Die "Ensemblebildung", so hieß es etwa, erfolge produktionsbezogen und sei nicht auf Dauerhaftigkeit angelegt. Das hieß, immer wieder mit neuen Schauspielern zu arbeiten und bedeutete auch den bewußten Verzicht auf eine feste Spielstätte.

So wurden die Produktionen genauso im Tacheles aufgeführt wie im Theater Zerbrochene Fenster, am Halleschen Ufer ebenso wie in der Volksbühne. Und das elastische Konzept und die Unabhängigkeit selbst innerhalb des Quintetts erlaubte auch immer wieder Soloexperimente und die individuelle Zusammenarbeit mit anderen Gruppen: Ein unangestrengtes und mitunter auch selbstzufriedenes Wandern zwischen den Bühnen und über die imaginären Grenzen zwischen Off und scheinbarer Bürgerlichkeit hinweg.

Bachmann, in der öffentlichen Wahrnehmung sicherlich der profilierteste Kopf, inszenierte schnell am Schauspiel Bonn und in Wien. Mit Goethes "Wahlverwandtschaften", am Theater Neumarkt in Zürich aufgeführt und 1995 zum Theatertreffen eingeladen, begann sich ein größeres Publikum für das zu interessieren, was dem Namen nach irgendwie Schrilles und Schräges verhieß. Und war zunächst verwundert, als es feststellte, daß es weder durch umherfliegenden Kartoffelsalat noch durch eine mutwillige Zertrümmerung oftmals erprobter Klassiker bedroht wurde.

Klassiker gab es zwar zunächt fast ausschließlich, Sophokles, Shakespeare, Goethe mehrmals; dies aber mit einer unerwarteten Ernsthaftigkeit. In einer Mischung aus Ironie und treuherziger Offenheit kennzeichneten sie ihren Stil selbst als "neokonservativ".

Schien das Konzept anfangs noch unzeitgemäß zu sein, entwickelte es sich immer mehr zum publikumswirksamen Gegenentwurf zu einer rotzigen Attitüde, die die Stadttheater längst erreicht hatte und Mitte der Neunziger Jahre bei den Rezensenten erste Ermüdungserscheinungen hervorrief. Diese Generation der Vierzigjährigen hatte im Aufbegehren gegen vermeintliche Überväter und in der Werbung für Herrenkosmetika oder Fußballvereine zuviel Energien gelassen und schuf so den Raum für die, die unbekümmerter mit Traditionen umgingen.

Die Abschiedsvorstellung "Indien" im Mai in Brandenburg gespielt, wirkte gleichermaßen routiniert wie lustlos und zeigte dennoch die Qualitäten, die die Gruppe in den vergangenen fünf Jahren ausgezeichnet hat: Exakte Schauspielerführung, der geschickte Einsatz filmischer Mittel wie etwa Parallelmontagen und auch der Mut zum kontrollierten Zerdehnen einzelner Szenen; kein l´art pour l´art, sondern im besten Sinn Handwerk.

Die Inszenierung zeigte nicht nur Souveränität. Sie ließ auch das Selbstbewußtsein, fast schon Arroganz einer Gruppe durchscheinen, die ihren Auszug nach Basel und die Eroberung eines Stadttheaters wie selbstverständlich anzusehen scheint; vielleicht nur eine Durchgangsstation.

Kultursenator Radunski beklagt immer mal wieder, daß es ihm nicht möglich gewesen sei, die Gruppe mit dem herkömmlichen Förderungsinstrumentarium zu halten. Etwas süffisant verweist Affekt darauf, es sei ihnen nicht leicht gefallen, das, was ihnen im Edel-Off spendiert wurde, auszugeben. Daß der Spaß am Theatermachen nicht nur mit Geld zusammenhängt, sondern auch mit den Möglichkeiten, die ein großes Haus bietet, hat sich nicht überall herumgesprochen - noch nicht.
Ein Wiedersehen ist nicht ausgeschlossen. Vielleicht beim nächsten Theatertreffen.

Ted

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