Ausgabe 08 - 1998berliner stadtzeitung
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Eine Reise zum Planet Berlin mit den Elektronauten

Popbands als Kollektive zu bezeichnen, wird dem Begriff nur in den seltensten Fällen gerecht. Innerer Zusammenhalt funktioniert meist nur so lange wie dieser in Konfrontation mit den äußeren Gegebenheiten auch notwendig ist. Die Beatles gingen nur so lange einen gemeinsamen Weg, wie die jugendkulturelle Gemeinschaft, die Band als Urzelle gegen den ganzen Scheiß um einen herum, Ausdruck von Gegenkultur war. Tatsache ist aber, daß Bands einfach immer Konglomerate aus Individuen sind, in denen oftmals komplizierte hierarchische Verknüpfungen auftreten. Dies wird deutlich aus der Tatsache, daß Bands, egal wie erfolgreich, oftmals an den eigenen Strukturen zerbrechen. Probleme, die Elvis, Udo Jürgens oder irgendwelche kauzigen Wohnzimmer-Tapekünstler natürlich nicht haben. Hier regiert der Star und mitmachen darf der oder die, die sich vertraglich festlegen läßt, nie mehr als ein Schatten dessen zu sein.

Den gemeinsamen Erfahrungsaustausch als Prinzip läßt sich im Jazz finden. Das Kollektiv für einen Abend, eine Platte oder eine Session. Intensives Zusammenkommen bei gleichzeitigem Ausleben aller persönlichen und spielerisch-musikalischen Differenzen.Hier bringt man sich ein, weil sich das Individuum nach dem Gemeinsamen sofort wieder als Einzelnes konstituieren darf. Kurzzeitkollektive scheinen somit die einzige Möglichkeit für einen ergiebigen Austausch zu sein. Bandkollektive wie die Polit-Punkband Crass oder die Chartbreaker Chumbawamba blieben und bleiben Ausnahmen. Innere Widersprüche konnten und können hier bloß durch gelebtes "Wir können etwas verändern"- Bewußtsein ausgehalten werden, solange an dieses etwas faule Diktum vom richtigen Leben im Falschen geglaubt wurde und geglaubt wird. Und wenn das Herausbrüllen der Ideale auch noch im Top Ten-Hit verpackt ist, um so besser.

Elektronische Musik verlangt augrund ihrer Produktionsweise das klassische "drei oder vier Freunde sind wir"-Kollektivitätsmodell gar nicht mehr. Meist steckt der Producer das fertige DAT seinem Label zu, das dieses nur noch in der Vinyl-oder CD-Version in den Laden stellen muß. Die Livepräsentation findet dann im klassischen DJ-Set statt. Das Miteinander ist nicht mehr notwendig, weil der Sampler immer bereit steht und gemeinsame Sessions nicht mehr notwendig sind.

Doch daß die künstlerische Vereinzelung auch kreative Sackgassen mit sich bringen kann, zeigt sich im derzeitigen Relaunch elektronischer Bands. Einsamem Knöpfchendrehen auf der Bühne fehlt die Aura des Konzerterlebnisses. Und Platten auflegen beherrscht inzwischen jeder Hinterhof-DJ so gut wie der Star aus Detroit. Und somit läßt es sich erklären, daß beispielsweise das Kölner Elektroniktüftlerduo Mouse On Mars live mit Schlagzeuger-Unterstützung das Haus rockt als wären sie bei "Monsters of Rock".

Und somit heißt es nun schon seit mehreren Jahren Befreiung aus der Ego-Einbahnstraße und Bühne frei für die Elektronauten, das rein personell größte "Der Star ist die Band"-Kollektiv aus der Hauptstadt.

Bei einem Auftritt der Elektronauten sind schnell alle Wehmütigkeiten an große Clubabende ach so seliger guter allter Rockzeiten vergessen, wo sich die Band noch den Arsch für dich abrockte. Zehn Gestalten zappeln irgendwie auf der Bühne herum, haufenweise MCęs schmeißen sich inęs Getümmel, jede und jeder ist DJ "Achtung! Jetzt wird der Videobeamer eingeschaltet"Jungle, Ragga, Hip Hop, wir können alles, Chaos als Prinzip, der Übungsraum auf der Bühne und auf einmal geht wieder alles. Musik als Blaupause füręs eigene Spaßhaben, egal ob das jetzt Two-Step ist oder Jump-Up. Themenabende im Club. Puristen und Fachsimpler eat shit! Worauf es ankommt sind - klar klingt das ausgelutscht - die Energien, die das Kollektiv freisetzt und die in Verbindung mit dem Publikum - und hier wird alles wieder ganz klassisch Rockkonzert, der Großrave - theoretisch, zum großen Gemeinschaftserlebnis aufbauen.

Ein Erlebnis, daß bei unzähligen Auftritten in den einschlägigen Berliner Clubs einen Fanzirkel hervorbrachte, der den Elektronauten einen gewissen Kultstatus in Berlin anhängte. 800 vorbestellte Platten ihres ersten "richtigen" Tonträgers nach einigen Maxis und jeder Menge Remixen zeugt von nicht geringer Fanbindung. Dabei hat es lang genug gedauert, bis den Elektronauten das Statussymbol Full Length-CD zugestanden worden ist. Seit 1995 gibt es das Projekt als loses KünstlerInnenkollektiv in ungefähr der jetzigen Form und musikalischen Ausrichtung. Die vie-len weiteren Jahre davor waren Experimentierphasen in verschiedenen Bandgrößen und mit unterschiedlichen musikalischen Ausrichtungen. Die Band wuchs mit der Berliner Nach-Mauer-Aufbruchsstimmung und mit jedem neuen Mitglied änderte sich der Sound. Als Hausbesetzer-Kollektiv in der Kleinen Hamburger Straße sah man sich eher im künstlerischen Boheme-Milieu verortet als im sich zunehmend mit Selbstauflösung beschäftigenden Autonomenlager. Es war dies die goldene Zeit der illegalen Bars und Clubs in Mitte, Möglichkeiten zur künst- lerischen Selbstentfaltung gab es im Off-Theater genauso wie in No-Budget-Galerien. Und zu den Vernissagen spielten dann immer wieder die Elektronauten. Irgendwann wurde der auch längst vom "Berlin muß kanzlertauglich werden"-Wahn abgewickelte "Eimer" zum Zuhause der Band. Eigenes Studio, eigenes Label, alles in der Hand, paradiesische Zustände.

Heute gibtęs in den Hackeschen Höfen nur noch Lachslasagnen und Bildungsbürger-Theater. Die mythologisierenden Berlinbilder von Hinterhof-Schrott und besetzten Häusern verstopfen ausschließlich noch Berlin-Reiseführer. Vielleicht war es geradezu zwingend notwendig, jetzt, kurz vorm Fertigstellen der Kanzler-U-Bahn die amtliche Platte herauszubringen. Nun, wo die Mitglieder des Elektronauten-Kollektivs erste Filmmusiken bei Filmemachern aus dem Bekanntenkreis unterbringen, Freunde gut funktionierende Booking-Agenturen am Laufen haben wo man selbst gut aufgehoben ist und man bei ehemaligen Tonstudio-im-Eimer-Bands gelegentlich den Live-mix macht. Jetzt muß in Berlin wieder Miete gezahlt werden, Biere selbst gekauft und Musik machen vielleicht sogar mehr als nur No-Profit-Spaß sein.

"Collective Induced Fiction" ist kein Dancefloor-Feger geworden. Nicht für eine eingeschworene Drum & Bass-Gemeinde hat man versucht, die Anschlußfähigkeit Deutschlands an das Motherland of Drum & Bass, England, zu demonstrieren, sondern vielmehr einen entspannten Entwurf von musikalischer Entgrenzung vorgelegt. Die Platte, die bereits vor einem Jahr auf "Harthouse" erscheinen sollte, die dann aber Konkurs gingen, ist mehr eine Compilation als ein Autorenalbum. Eine Platte für Leute, die den ganzen Kuchen neuerer Tanzmusik kosten wollen. Vielleicht hätte man hier und da etwas mehr wagen sollen. Wo gar nicht erst das Bedürfnis herrscht, etwas neues entstehen zu lassen, kommt dieses auch nur seltenstenfalls heraus. Somit halten wir hier kein Zeugnis eines musikalischen Neuerungsschocks in den Händen, sondern ein gemütliches Stück Wohnzimmer-Drum & Bass. Den aber voller Überraschungssamples und gelungenen Dub- und Hip- Hop-Spritzern.

Andreas Hartmann

Elektronauten
"Collective Induced Fiction"
Incoming!/RTD

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