Ausgabe 02 - 2001berliner stadtzeitung
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Lieber nicht wehtun

"Forrester gefunden!" - ein neues Rührstück von Gus van Sant

Manche Künstler legen sich die Latte ziemlich hoch. J.D. Salinger etwa hat seit den 50er Jahren nichts mehr veröffentlicht und Thomas Pynchons Bücher erscheinen in einem Abstand von zehn Jahren. Dabei umgibt letzteren zusätzlich eine Aura des Mysteriösen: Wer ist er, wie sieht er aus?

In "Forrester gefunden!” ist auch der titelgebende schottische Schriftsteller William Forrester (Sean Connery) eine solche lebende Legende. Sein einziger, aber bahnbrechender Roman hat sich zum modernen Klassiker entwickelt. Dessen Tantiemen finanzieren dem kauzigen Einsiedler auch vierzig Jahre später den Lebensunterhalt. Sein Buch ist als Gegenstand von Literaturseminaren, doch keiner weiß, wie sein Urheber aussieht. Keiner, bis auf den 16-jährigen schwarzen Schüler Jamal (Rob Brown). Der ist dank seiner Basketballkünste als Stipendiat auf einer exklusiven Privatschule gelandet, trägt sich aber ebenfalls mit schriftstellerischen Ambitionen.

Die Konstellation von Gus van Sans neuestem Film erinnert stark an sein Oscar-gekröntes Rührstück "Good Will Hunting". Auch hier kann sich ein Wunderkind aufgrund seines sozialen Umfelds nicht verwirklichen und ist auf die Hilfe eines väterlichen (hier gar großväterlichen) Mentors angewiesen. An Jamals literarische Begabung glaubt auf seiner Schule keiner. Er wird in das Klischee des athletischen Schwarzen gepresst, der seiner Mannschaft bei Wettkämpfen zu Ruhm und Ehre zu verhelfen soll. Sein Literaturlehrer Crawford (F. Murray Abraham), ein ehemaliger Intimfeind Forresters, bezichtigt Jamal sogar des Plagiats. Auch seine Freundschaft zur Tochter eines Lehrers sprengt den strengen konservativen Rahmen der Schule. Bei Forrester lernt Jamal dagegen, Konventionen, und seien sie nur literarischer Art, zu überwinden. Als Gegenleistung bricht er die agoraphobische Isolation des alten Mannes auf.

Der Film ist vor allem wegen seiner Darsteller sehenswert. Dem gewohnt souverän agierenden Sean Connery im Zusammenspiel mit seinem jungen Counterpart zuzuschauen, ist für den Zuschauer am lohnendsten. In der Konfrontation von jung und alt, schwarz und weiß, kann van Sant am besten seine einfühlsame Ader einbringen. Die Story könnte jedoch banaler nicht sein. Die Entscheidung, KonŖikte über die Figur des eindimensional gezeichneten Bösewichts von Literaturprofessor auszutragen, geht auf Kosten von interessanteren Optionen. Zu stark spürt man die Angst der Macher, in der Milieuzeichnung von Jamals Umfeld in der Bronx politisch korrekte Vorgaben zu verletzen. Zudem ist der menschelnde Grundton, der Wille, niemandem weh zu tun, auf die Dauer wenig ergiebig. Wo ist nur der Gus van Sant von "Mala noche" oder "My own private Idaho" geblieben, der mit wenig Geld kleine Meisterwerke an Erfindungsreichtum zuwege brachte? Vielleicht sollte man van Sant in Zukunft die Budgets kürzen.

Kira Taszman

"Forrester gefunden!" USA 2001; R: Gus van Sand; D: Sean Connery, Rob Brown, F. Murray Abraham.
Ab 1. März im Kino

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