Ausgabe 02 - 2001berliner stadtzeitung
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Von Zensur zu repressiver Toleranz

Zwei Ausstellungen im Willy-Brandt-Haus zeigen DEFA-Gesichter und Bilder von STRAWALDE

Vor dem Bäcker steht eine Schlange. Alte Frauen, junge Mütter und ein paar Kinder warten auf frische Brötchen. Sie tragen Wattejacken oder Nylonanoraks und schauen direkt in die Kamera. Im Vordergrund strauchelt Kurt Böwe. Auch er angetan mit einer gesteppten Nylonjacke. In der ausgestreckten Hand ein schmales Buch, das über die Straße auf den Betrachter weist. Ein Traktor schiebt sich von rechts ins Bild und hindert Kurt Böwe beim Überqueren der Straße. "Jadup und Boel" heißt der DEFA-Film Rainer Simons von 1981, der sogleich verboten wurde und erst 1988 zur Uraufführung kam. Kurt Böwe spielte den Bürgermeister einer kleinen anhaltinischen Stadt, der im Eifer beim Aufbau des real existierenden Sozialismus einen Moment innehält. Die Erinnerung an ein ungeklärtes Verbrechen der Nachkriegsjahre bricht Narben auf. Verwirrung platzt über die Stadt und ihre Menschen herein.

Alle Stuhlreihen waren besetzt, als am Dienstagabend im Willy-Brandt-Haus die Doppelausstellung "Gesichter der DEFA - Filmfotografie" und "STRAWALDE" (Jürgen Böttcher) Malerei eröffnet wurde. Besucher drängten sich um die Säulen der Betonarkaden im Untergeschoss und bestaunten Fotos der kindlichen Renate Krößner, der schönen Angelica Domröse, des wandelbaren Rolf Hoppe und vieler anderer DEFA-Schauspieler. Die Aufsteller ßankieren den großen Lichthof des Willy-Brandt-Hauses. Momentaufnahmen in Schwarz/Weiß. Filmplakate aus 55 Jahren DEFA-Geschichte sind den Filmfotografien gegenübergestellt. Mittels der Porträts von 16 Leinwandstars werden Positionen der DDR Filmkunst ausschnitthaft belichtet. Die Textunterstützung ist jedoch etwas dürftig für den Anspruch der Schau, die immerhin einen Querschnitt durch die zwiespältige Geschichte der DEFA-"Stars" zeigen möchte. Sehr kurz gehaltene Bildunterschriften erhellen allenfalls die Erstellungsjahre und das Jahr der Uraufführung. Kommentare zur Zensur- und Förderpolitik des Kunstbetriebes DDR könnten gerade jüngeren Besuchern die Rezeption erleichtern. Uneingeweihten droht die Sammlung im Strom kultureller Belanglosigkeit zu ersaufen.

Instrumentalisierung der Kunst

Parallel zur Fotoschau der DEFA werden in den oberen Geschossen Ölbilder des Malers Strawalde gezeigt. Strawalde, der als Filmemacher Jürgen Böttcher heißt, steht für eine Kunst, die nicht durch Verbote und politische Diffamierungen zu verbiegen war. Jürgen Böttcher wuchs in Strahwalde, einem kleinen Ort in der Oberlausitz auf, studierte in Dresden Malerei - und erfuhr in den aufkommenden Formalismusdebatten die Instrumentalisierung der Kunst im Dienste einer Ideologie, die den sozialistischen Realismus zur einzigen Lesart allen künstlerischen Strebens erklärte. Strawalde bekam Schwierigkeiten. Aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen, wechselte er nach Babelsberg zum Filmhandwerk. Der erste Dokumentarfilm Böttchers, "Drei von Vielen", erzählte von den jungen Wilden des Freundeskreises aus Dresden. Dazu gehörte Ralf Winkler alias A. R. Penck, der dort einen Volkshochschulkurs Strawaldes besucht hatte. Der Film wurde verboten. Auch sein erster Spielfilm "Jahrgang 45" fiel nach dem Gebot der 11. Tagung des ZKs der SED der Zensur zum Opfer. Die Beschäftigung von DEFA-Regisseuren, deren Filme letztendlich nie gezeigt wurden, gehörte zur Praxis der DDR Kunstpolitik. Viele arbeiteten an andersartigen Projekten und warteten. Jürgen Böttcher verwirklichte über 40 Dokumentarfilme bei der DEFA und malte weiter Bilder.

Im Willy-Brandt-Haus sind die jüngsten großformatigen Ölbilder Strawaldes zu sehen, die von einer meno- bis monochromen Phase zeugen. Die im Januar dieses Jahres entstandenen Gemälde fasste Strawalde selbst in Schwarz-Rot-Gelben Zyklen zusammen. Schwarze Schlangenlinien wuchern auf der Leinwand und großen Flächen machen sich gegeneinander dicht. Die tanzenden Balken sind wuchtigen Löchern gewichen. Zur Vernissage tanzen drei junge Mädchen vor Strawaldes Bildern. Am Treppenschacht des Lichthofes spielt der Filmkomponist Peter Gotthardt Titel aus beliebten DEFA- Filmen nach. Die Besucher wandeln mit Weingläsern von Strawalde zu Kurt Böwe, Armin Müller-Stahl und Eva Maria Hagen, "Geh zu ihr" in den Ohren. Ein Konzert im Freien.

Anne Hahn

Ab 1. März läuft der experimentelle DokumentarŪlm "Konzert im Freien" Jürgen Böttchers 1981-86/2000 im Kino.

Die Ausstellungen im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, sind bis 11. März zu sehen.

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