Ausgabe 02 - 2001berliner stadtzeitung
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Experimentierfeld zwischen Text und Bild

Uwe Warnke und sein Zeitschriftenprojekt ENTWERTER/ODER

Die Regel ist es nicht, dass Unternehmungen, die ihren Ursprung in der DDR hatten, mehr als zehn Jahre nach der sogenannten Wende noch immer bestehen. Die Zeitschrift ENTWERTER/ODER, von der demnächst die 78. Ausgabe zum Thema "Beutekunst" erscheinen wird, ist eine solche Ausnahme. Als Uwe Warnke und Siegmar Körner Anfang der achtziger Jahre ihre literarischen Texte aus dem Schubladendasein erlösen wollten, verwarfen sie die Möglichkeit, sich damit an offizielle Verlage und Zeitschriften zu wenden, von vornherein; zu frustrierend waren die Erfahrungen, von denen ihnen Künstlerkollegen berichteten. Warnke und Körner nahmen die Publikation ihrer Arbeiten vielmehr selbst in die Hand: Die erste Ausgabe von ENTWERTER/ODER entstand im März 1982 in einer Auflage von vier Exemplaren, hergestellt mit Schreibmaschine und Durchschlagpapier. Dass damit die Initialzündung für ein illegales Zeitschriftenprojekt erfolgt war, war Uwe Warnke zunächst gar nicht klar. Körner zog sich bald aus dem Projekt zurück, blieb der "Künstlerzeitschrift" aber weiterhin als Autor verbunden. Rasch erweiterte sich der Kreis der Schriftsteller und Künstler, die ihre Beiträge jeweils selbst gestalteten, erhöhte sich die Auflage, die zunächst mit der Anzahl der Belegexemplare identisch war; ENTWERTER/ODER kursierte in einer Art subkultureller Öffentlichkeit, mit den Machern ähnlicher Zeitschriften wurden Hefte getauscht. Eine Art ofŪzielle Kenntnisnahme bedeutete es schließlich, als die Sächsische Landesbibli-othek Dresden damit begann, die Berliner Untergrundzeitschrift, die es eigentlich gar nicht geben hätte dürfen, zu sammeln. Nicht, dass die Aktivitäten Uwe Warnkes nicht misstrauisch beobachtet worden wären: Die DDR der späten achtziger Jahre liess den Experimentator an der Grenze zwischen Poesie und bildender Kunst jedoch gewähren. Warnke war zudem in der vorteilhaften Position, nicht erpressbar zu sein, strebte keine Karriere an und bemühte sich auch nicht um Ausreisegenehmigungen.

ENTWERTER/ODER war nie eine Dissidentenzeitschrift, um die Herstellung einer politischen Gegenöffentlichkeit ging es Warnke nicht. Der 1956 geborene ausgebildete Kartograph ist als Autor - noch jeder ENTWERTER enthielt einen Beitrag von ihm - ein Exponent der visuellen Poesie, einer Literatur, die im Kulturleben der DDR nie richtig heimisch werden konnte, ohne dass sie deshalb als besonders "gefährlich" betrachtet worden wäre. Obwohl das, was noch in den fünfziger Jahren als avantgardistisches Experiment galt, mittlerweile von der Werbeindustrie vereinnahmt worden ist, ist Warnke davon überzeugt, dass die visuelle Poesie weiterhin ein "Dorn im Fleisch" sein kann, dass ihr eine gewisse Sprengkraft eignet, wenn sie "ungewohnte Sehweisen auf die Schriftlichkeit von Sprache im Kontext benachbarter Künste" ermöglicht. Damit wäre auch das ästhetische Programm von ENTWERTER/ODER umrissen, was Warnke freilich nicht daran hindert, auch ganz anderen Dingen Raum zu geben, in einer Nummer etwa die Sprengung der denkmalgeschützten Gasometer an der Dimitroffstraße zu dokumentieren.

Führt man sich diese Geschichte einer Zeitschrift aus der literarischen Gegenöffentlichkeit der späten DDR vor Augen, so fragt man sich, warum ENTWERTER/ODER, die "original-graŪsche Zeitschrift in/aus Berlin", im Jahre 2001 überhaupt noch existiert. Und natürlich musste Uwe Warnke 1990 überlegen, ob sein Zeitschriftenprojekt im wiedervereinigten Deutschland noch einen Platz haben würde; viele seiner Künstlerfreunde wandten sich nun anderen Dingen zu, auch stellte sich die Frage nach der ökonomischen Grundlage der Unternehmung mit einiger Dringlichkeit. Ermutigung kam damals nicht nur von ENTWERTER-Autoren, sie kam 1991 auch gleichsam ofŪziell in Form des V. O.-Stomps-Preises der Stadt Mainz für Warnkes verlegerische Leistung. Interesse für seine Publikationen war im Westen durchaus vorhanden, die Hilfsbereitschaft in der dortigen Kleinverlegerszene gross. Nach dem Ende der DDR-Subkultur gelang es Warnke, sich auf dem Markt der Bibliophilen und Buchkunstsammler zu behaupten, vom Verkauf seiner Produkte zu leben. Er gründete einen Verlag und stellte seine Aktivitäten so endlich auf eine legale Basis. Neben (westdeutschen) Privatsammlern begannen Institutionen wie das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, die Stadt- und Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main oder die Stanford University Produkte aus dem Hause Warnke zu sammeln. Nun erweiterte sich auch das Spectrum der Publikationen: Sonderhefte entstanden, Unikatausgaben, auch Objekte wie ein von Valeri Scherstjanoi bemalter Schirm und sogar Bücher im traditionellen Sinne, zeitweise in Zusammenarbeit mit einem Westberliner Kollegen. Seit zwei Jahren gibt es nun die Edition ENTWERTER/ODER, in der einmal im Jahr ein originalgraphisches Buch erscheint, demnächst eine Arbeit von Marcel Beyer mit Graphiken von Andreas Zahlaus unter dem Titel "Namen". Im Mittelpunkt steht aber weiterhin die Zeitschrift, deren Auflage sich bei ca. 30 Exemplaren, die dann immer schnell vergriffen sind, eingependelt hat. Die Jubiläumsausgabe Nr. 75, erschien im März 2000 in zwei Bänden: Band I versammelte auf einem 756 cm langen Leporello Arbeiten u. a. von Hartmut Andryczuk, Fritz Best, Gerhild Ebel und Ottfried Zielke, im Text-Band II waren auf 100 Seiten Beiträge von Marcel Beyer, Ulrich Schlotmann und Ralf B. Korte zu lesen.

Uwe Warnke, und darin unterscheidet er sich von anderen Kleinverlegern, die meist auch Drucker mit eigener Werkstätte sind, versteht Buchkunst als umfassendes Konzept. Es geht ihm nicht darum, Texte bloß zu illustrieren, bibliophil zu behübschen, Text und Bild bilden bei ihm eine Einheit, die Grenzen verschwimmen.

Forian Neuner

Uwe Warnke, Sonntagstr. 22,
10245 Berlin, fon 29 04 99 03,
e-mail warnke@snafu.de

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