Ausgabe 09 - 2000berliner stadtzeitung
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++ das Märchen von dem Industrietycoon sucht wieder neue Protagonisten, eine Neuauflage für engagierte junge Leute, die was auf dem Kasten haben ++ start up, aus dem Nichts, starten sie in das neue Zeitalter ++ heben sie ab, noch heute ++ für eine Firma brauchen sie nur noch einen isdn-Anschluss, einen PC von Aldi, reichlich Software und weidliche Erfahrung im Design von Homepages für die subversiven Kunstaktionen glücklicher Mittelschichtskinder ++ geraten sie in die unendlichen Weiten des Cyberspace ++ ziehen sie fort aus ihren dunklen Kammern im Parterre trister Hinterhöfe in die seligen Weiten lichtdurchfluteter Lofts. Für ihre Sorgen wird der Doorman zuständig sein und ihre Seele wird Ruhe finden in dem Bewusstsein, materiell und innovativ Trendsetter zu sein ++ ich mache eine Start up Firma: haben sie auch einen Partner? mehr brauchen sie nicht ++ 400 Millionen, pro Kopf, die zwei haben ausgesorgt, die Firma verkauft ++ jeder Berater auf dem Arbeitsamt schafft eine persuasive Situation: Angebote die man nicht ausschlagen möchte, Zettel von Fortbildungsinstituten liegen auf den Tisch, Internetredakteur wird ausgebildet, garantiert ein gesuchter Job ++ jeder zweite Mensch dieser Erde hatte noch nie ein Telefon in den Händen ++ Berlin bekommt, um zu Überleben, ein neues Image, damit es für ein zukunftsfähiges Humanpotential attraktiv wird und die alten Arbeiterschichten, die in Zukunft nur als geriatrisches Problem gesehen werden, wenigstens mental entsorgt werden können ++ „Vieles, was wir heute erleben- neue Architektur, schicke Restaurants, Umbruch im Einzelhandel, Verlagerung von Kulturetats, Mordskonkurrenz auf dem Medienmarkt- ist Teil eines Prozesses, der bestimmte Gruppen anziehen und andere ausgrenzen soll“ Kevin Cote in der Zitty ++ man trägt die Klamotten aus den Siebzigern, ist aber subversiv. Vergessen ist die historische Folie des Zweiliter-PKWs für die Arbeiterklasse, dem Ideal der swinging sixties im Westen. Jetzt kommt die zweite Gründerzeit, sicher, die Prolos und die Idee der Gleichheit sind entsorgt ++ wie praktisch: nur ein Knopfdruck, und der Artikel ist in der Redaktion ++ eine „start up“, der Kunstschaffende lächtelte, dann glitt er auf dem geliehenen Rennrad den Berg hinab. Polyacrylhose und Turnschuhe, der Look einer neuen Ära ++ wie waren doch die Achtziger depressiv, wie depressiv. Weltuntergang und gefangene Körper: Hätte man die Welt retten können, wenn man die Männer erneut zu Sexobjekten machte? Arm aber mager, mit Kajal unter den Lidern? ++ die Hierarchie der Geschlechter und die Welt der materiellen Sorgen ist wieder hergestellt, wirklich, in den neuen Clubs sind die Frauen weiblich, die Männer arbeitsam und zukunftsträchtig, mit dünnen Armen und dicken Brillen. Denn was ist der Sex der Frauen, wenn in unsicheren Zeiten die Platincard winkt? ++ den schlaffen Körper in der Lounge versenken, mit Kruder & Dorfmeister im Ohr und Fischen im Aquarium, das in die Wand eingelassen ist ++ wer im Berufsleben steht, sagte der Punk mit dem müde gewordenen Gesicht, hat andere Sorgen. Die Jugend ist vorüber ++ 700 Megahertz und 192 Megabyte Arbeitsspeicher, Leistungsdaten auf dem Schreibtisch, Daten, die denen der Quartettkarten der Kindheit gleichen, 128 PS und sechs Zylinder ++ wer da nicht mitmacht, ist verloren ++ die Bedrohung durch die drohende Klimakatastrophe übersteigt bei weitem die des kalten Krieges und des drohenden Atomkrieg, schrieb das „time magazine“ ++ die Anarchos in den USA sind fit, sagte der ehemalige Squatter, von denen hat jeder sein Laptop ++ Seattle wurde via Internet mobilisiert ++ www.südberlin.de: Lofts für private und business Zwecke, ab 2.950 DM pro m2. Sichern Sie sich noch heute ihre Zukunft ++ ich habe es satt, für mau zu arbeiten ++ es war ihre geistige Beweglichkeit, die den neuen Herren der Welt, versammelt in Davos, ihren Status verschaffte, bemerkte Richard Sennett, nur zu bilanzieren, dass eine Ordnung wie diese, die den Menschen so wenig Gründe gäbe, sich umeinander zu kümmern, keinen Bestand haben werde ++ genug der Depression, was zählen die Muskeln der obsoleten Klasse? ++ Warum machen sie keine Internetsachen, fragt Wolfgang Thierse junge Sozialhilfempfänger. Wir haben kein Geld für Computer, sagen sie ++ Greencard für alle Webdesigner, weltweit ++ 80.000 Webdesigner überschwemmen allein San Francisco ++ go west, young man ++ auch ich werde eine Internetschlampe werden, das Amt zahlt den Kurs, ein sozialhilfeempfangender Punk lächelte ++ das Märchen von dem Industrietycoon sucht wieder neue Protagonisten, eine Neuauflage für engagierte junge Leute, die was auf dem Kasten haben ++ start up, wenn sie wollen, starten sie in das neue Zeitalter ++heben sie ab, noch heute ++

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