Ausgabe 09 - 2000berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Der Tag der Abrechnung.

Oder: Wie sich Ostindianer am 3. Oktober wehren werden

Jahrelang lauert ein mexikanischer Junge auf den Tag der Abrechnung. Er sitzt in schlecht beleuchteten Kaschemmen des wilden Westens herum, spielt sein Lied und wartet auf den Mann mit dem langen Ledermantel, der ihm einst die Harmonika in den Mund steckte, während ihm der Schweiß seines Vaters auf die Schultern tropfte…

Ganz so lange - denn wir wissen, es waren etliche Jahre, die dieser Junge bis zur Vergeltung ins weite Land streichen ließ - warteten die Menschen der ostdeutschen Lande (oder der FNL = fünf neuen Bundesländer) nicht. Das Szenario, das sie vergelten wollen, bot in den zehn Jahren bundesdeutscher Einheit allerdings annähernd wilde Tendenzen auf. Kolonisierfreudige Westernhelden zogen über fruchtbares Neuland, rodeten und säten und taxierten. Unter den Ostindianern formierte sich zaghafter Widerspruch oder raffiniertes Hufescharren.

Doch das Erreichen der Dekade ließ die Gemüter revoltieren. Im Frühjahr des Jahres 2000 trafen Denker, Lenker und Dichter eines Ostbezirkes Berlins in trauten Wirtshäusern zusammen, um den Tag der Abrechnung auszuhecken. Das Datum stand glasklar vor aller Augen, am 3. Oktober muss es geschehen! Ort und Mitstreiter waren bald gefunden und es wurde fleißig angespornt und arrangiert.

Die Beitrittsbilanz in Bild, Wort und Tanz, wie die kühnen Unternehmer untertiteln, wird von der Volksbühne mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Kultur-amt Prenzlauer Berg und den "Sklaven" bestritten. Als Wegbereiter der zweifelnden Haltung gegenüber deutscher ‚Einheitlichkeit‘ zitieren die Verschwörer Adolf Glaßbrenner, der 1847 in einer Eingabe an den König verhieß: "An Deutschlands baldiger 1heit, da 2fle ich doch sehr, ick jebe keinen 3er 4 diese Hoffnung her."

Der Tenor des Zweifels zieht sich denn auch durch das ganze Programm, das am Einheitstag von 11 bis 2 Uhr im Pratergarten des Prenzlauer Berges zelebriert werden wird. Mit einer Kinderkombination (Inszenierung des Märchens Der Fischer und sine Frau, Festumzug mit Handwagen, Puppenspiel Der kleine und der große Klaus usw.) wird das Praterspektakel der besonderen Art beginnen. "Andere feiern, wir auch - aber anders, mit einem Kongress" , verkünden die Veranstalter.

Verhandelt wird die Lage der Ostdeutschen im zehnten Jahr der Einheit. Recherchen, Statements, Expertisen, Debatten und Gespräche laufen rund um die Uhr. Rolf Reißig und Michael Chrapa fragen sich mit Hilfe von Jürgen Kuttner, ob die DDR aufgehoben wurde. Zwischen 14 und 21 Uhr äußern sich von Wolfgang Engler eingeladene Experten in den Themenblöcken Soziale Felder (u.a. Berthold Vogel, Universität Göttingen, Arbeit und Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland) und Trends und Perspektiven (u.a. Jörg Roesler, Was lehrte eine vergleichende Betrachtung von Anschlüssen) zum Stand der Dinge. Parallel dazu laufen in der Prater-Galerie Lesungen mit Autoren von Christa Wolf bis Tanja Dückers.

Während der Kongress tagt, offerieren Foyer und Separees Dokumentarfilme, Fotografien, szenische Lesungen, Performances und manches mehr. Zum Beispiel erörtern Annett Gröschner, der Starsportreporter a.D. Heinz-Florian Oertel, Frank Willmann und Jörn Luther die sportlichen Errungenschaften verflossener Dekaden. Zeitgleich schwingen Senioren das Tanzbein und Artisten beweisen Balance im Biergarten. Petra Tschörtner und Jochen Wisotzki, Volker Koepp und Thomas Heise werden ihre Dokumentarfilme zeigen und zur Diskussion bereitstehen, Harum Farocki hält ein Referat zur führenden Rolle.

Im Rahmen einer Talkshow wird der Komplex Lust in der Krise (?) unter der Fuchtel von Renate Koßmann ausdiskutiert. Ursula Cyriax vom Verein zur Erforschung des Unbemerkten, Mitglieder der Theatergruppe Zaba und der Sexualforscher Kurt Starke stehen im Gespräch zur Verfügung. Auf die Meinung des Publikums wird dabei starken Wert gelegt.

Mit dem Einbruch der Dunkelheit findet dann auf der Hinterbühne ein von Anja Ibsch angestifteter Performance-Marathon statt. Im Anschluss tanzt der Kongress zu den Klängen postsowjetischer Unterhaltungsmusik.

Anne Hahn

3. Oktober ab 11 Uhr im Pratergarten, Kastanienallee 7-9

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