Ausgabe 09 - 2000berliner stadtzeitung
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Der abgehackte Finger

oder Wie Wladimir Kaminer zu seiner Arbeit kam

Eines Nachmittags Ende Oktober 1998 saßen zwei mäßig begeisterte ehrenamtliche Mitarbeiter des Sklavenmarktes im Büro "Kulturladen" in der Schönhauser Allee, als es klopfte. Ein junger Mann steckte seinen Kopf zur Tür herein und fragte mit deutlichem Akzent, ob er hier mal dringend was kopieren dürfe. Er durfte. Später erkundigte er sich, was die beiden da zu tun hätten. Sie erklärten, sie dächten gerade über das Literaturprogramm ihrer Veranstaltungsreihe nach. Ihnen fehle für den nächsten Monat noch ein Osteuropäer, der was lesen könne. Da fragte der junge Mann: "Braucht Ihr ‘nen Russen?."

So kam Wladimir Kaminer wenige Wochen später mit seinem Freund, dem Dichter und Comiczeichner Ilya Kytup zum Sklavenmarkt ins Café "Siemeck". Ilya las aus seinen satirischen Texten, Wladimir moderierte. Es war ein erstklassiger Abend. So wurde Kaminer, geistiger Teilhaber Kitupscher Prosa und Mitbegründer der NPK = Neue Proletarische Kunst, zum Schreiben angestiftet. Helmut Höge (taz-Autor) verlockte den künftigen Literaten, für die taz Kolumne ‚intershop‘ zu schreiben. "Was soll ich denn da schreiben?" fragte Wladimir Kaminer ratlos. "Is völlig egal, schreib doch, wie Russen Weihnachten feiern," antwortete Höge. Am 24. 12. 1998 erschien also der erste Text Kaminers unter dem Titel "Wie Russen Weihnachten feiern" in der taz.

Kaminer fand Geschmack am Schreiben. Für die junge Welt machte er sich Gedanken zu Jubiläen von Nabokov und Puschkin, füttert seit Mitte 1999 die taz- Kolumne ‚intershop‘ allein und rezensiert für die Kulturbeilage der deutschsprachigen Financial Times russische Autoren wie Victor Jerofejew. Darauf ist er sogar richtig stolz. Inzwischen muss Wladimir Kaminer jeden Samstag ein neue Geschichte parat haben, die er beim Radio Multikulti um 20.45 Uhr in der Reihe Kosmonauten des Alltags erzählt. Er trägt seine neusten Eingebungen auch sonntags mit der Reformbühne Heim und Welt im Kaffee Burger vor. Dort veranstaltet Kaminer außerdem monatlich jeweils die Russische Zelle und die inzwischen völlig überrannte Russendisko.

Der Weg nach Berlin

"Im Sommer 1990 breitete sich in Mos-kau ein Gerücht aus: Honecker nimmt Juden aus der Sowjetunion auf, als eine Art Wiedergutmachung dafür, dass die DDR sich nie an den deutschen Zahlungen für Israel beteiligte… Es sprach sich schnell herum, alle wussten Bescheid, außer Honecker vielleicht." Wladimir Kaminer erzählt in seinem Erzählband "Russendisko", in wenigen Sätzen, warum er Moskau den Rücken kehrte: "Es war eine spontane Entscheidung. Außerdem war die Emigration nach Deutschland viel leichter als nach Amerika: Die Fahrkarte kostet nur 96 Rubel, und für Ostberlin brauchte man kein Visum." Kaminer fuhr mit seinem Freund Mischa, einer Flasche Lebewohl-Wodka und angetan mit seinem besten Anzug nach Berlin. Nun lebt er schon 10 Jahre hier. In Berlin hat Kaminer seine Frau Olga kennen gelernt. Die beiden haben inzwischen zwei Kinder, Nicole und Sebastian. Eine russische Haushaltshilfe geht ihnen zur Hand, die Oma beaufsichtigt die Sprösslinge, wenn Olga bei der Russendisko Einlass macht und auch sonst funktioniert das russische Sozialnetz tadellos. Russen sind überall.

Die Sache mit dem Erfolg

Erfolg fällt gerne dem zu, der ihm nicht hinterher jagt. Ein exemplarischer Fall ist Wladimir Kaminer. Er kam zufällig zum Schreiben und nahm diese neue Ader zunächst nicht sonderlich ernst. "Ich habe keine großen literarischen Ansprüche. Für mich ist das eher ein Witz.", äußerte er in einem Interview. Also schrieb er drauf los. Ungezwungen plauderte Kaminer im Berliner Feuilleton über den russischen Bildhauer, die vietnamesischen Gemüsehändler, die Nachbarin, die an schwarze Magie glaubt, Beziehungskisten in Berlin und seine eigene Familie. In der Erzählung "Süße ferne Heimat" zum Beispiel schildert Kaminer die Kindheit seiner Frau, die auf Sachalin geboren wurde. Die Eltern der Kinder waren alle Geologen oder Ölbohrer und "die Kinder waren die ersten Einheimischen auf der Insel, außer den Nivchen, den Ureinwohnern, die in einem Reservat auf der Südseite der Insel langsam ausstarben." Kaminer holt selbst aus Hiobsbotschaften ein Grinsen raus. Er will niemandem etwas böses, redet nicht drum herum oder deutet dahinter- alles klingt klar und einfach. Seine Ironie ist beiläufig und deshalb so unaufdringlich.

Frische Goldjungen

Im nächsten Frühjahr soll eine Anthologie erscheinen, für die Wladimir Kaminer als Autor und Herausgeber gewonnen wurde. Das ist für die 10 Autoren gewiss ein Glücksfall, die nun als "frische Goldjungen" mit vom Ruhm des Debütanten naschen dürfen. "Mich interessieren die guten Autoren!" sagt Kaminer auf die Frage, wie er die Auswahl trifft. Im LSD, der Reformbühne, der Chaussee der Enthusiasten und unter Autoren des Salbader spürt Kaminer die jungen Schreiber auf, denen er auch schon mal zur ersten Buchveröffentlichungen verhilft. Bei ihrer Aufzählung kommt ein schwärmerisches Leuchten in seine Augen, "das sind alles wichtige Leute, und sie sind fast alle aus dem Osten. Ostler können mehr erzählen, haben reichere Biographien. Westler wollen immer witzig sein und schreiben dann z.B. Texte wie; ‚meine Eltern waren keine Hippies‘".

Der abgehackte Finger

Zurzeit verfasst Kaminer erstmals einen Roman, "Militärmusik". In einzelnen Kapiteln nimmt er sich die Geschichte seines Lebens vor, am Ende wird er im Zug nach Deutschland sitzen. "Ich versuche, mein Leben- von einem staatlichen Jubiläumsereignis zum nächsten- zu beschreiben, bis zu meiner Abreise nach Berlin. Schon als ich geboren wurde, 1967, herrschte im ganzen Land eine feierliche Stimmung: Es war der 50. Jahrestag der Oktoberrevolution."

Auf dieses Buch darf man gespannt sein, denn die Geschichten aus der ehemaligen Sowjetunion hören sich bei Kaminer oft wie Krimisatiren an. Im Kaffee Burger las der Autor zum Beispiel vor einigen Wochen aus seinen Armeeerlebnissen, gemeinsam mit Helmut Höge und Bert Papenfuß. Dabei zeichneten sich die Episoden der beiden letzteren durch ihre fade Erlebnisleere aus. Nicht so bei Kaminer. Nicht nur, dass er den Tag seiner Aufnahme in die Sowjetarmee reichlich schräg beschrieb, er erforschte nebenbei noch die Methoden der Verweigerung bei seinen Landsleuten. Ein junger Bursche, der nicht eingezogen werden wollte, entledigte sich demnach in einem Moskauer Wäldchen mit Hilfe seiner Freundin und eines Beiles seines rechten Zeigefingers. Das tat weh. Schon bald bereute das Opfer seinen Entschluss. Der Finger wurde wieder angenäht. Doch wie nur in Russland möglich, wurde in der Kühlzelle der Finger, den die Freundin nach mühsamen Suchen aus dem Wald geborgen hatte, verwechselt. Nun diente der frische Rehabilitand in einer Einheit mit Kaminer und vertraute diesem die merkwürdigen Verhaltensweisen seines fremden Zeigefingers an.

Anne Hahn

Wladimir Kaminer, Russendisko, Manhattan Verlag 2000, 192 Seiten, 36 DM

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