Ausgabe 09 - 2000berliner stadtzeitung
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LoFi meets Techno

Ein Interview mit Mo Loscheider vom Plattenlabel Elektro Music Department

Club und Techno bedingen einander. 1995 gründeten Klaus Kotai, Mo Loscheider und Daniel Pflumm das Label Elektro Music Department. Hervorgegangen ist das Projekt aus dem Elektro, einem Club in Mitte, den die drei zwischen 1992 und 1994 betrieben. Besetzte Häuser und das Umnutzen von leerstehenden Räumen waren die Basis für eine lebendige Technoszene in den neunzigern Jahren in Berlin.

Ihr seid als Elektro Music Department mehr als nur DJs mit dazugehörigem Label: Anfang der Neunziger habt ihr euch vor allem durch eine eigene Clubpolitik einen Namen gemacht.
Den Elektro-Club gab es zwischen 92 und 94. Daniel Pflumm hat diesen Raum entdeckt und wollte ihn eigentlich als Atelier nutzen. Er fand das dann aber zu langweilig und so kam da erst einmal eine Bar rein, in der DJ-Tapes auf einem Ghettoblaster liefen. Am Anfang war das also eher alles LoFi. Daraus ist dann die Elektro Music Department-Idee entstanden und die ganze Logo-Spielerei mit T-Shirts und so fing an. Im Elektro liefen auch die Videogeschichten von Daniel und anderen befreundeten Künstlern und noch einige andere Kunstcomputergeschichten.

Wie bist du dazugestoßen?
Ich habe zu der Zeit schon in verschiedenen Läden aufgelegt und da hat mich Daniel gefragt, ob ich nicht ein Mix-Tape fürs Elektro zusammenstellen will- so bin ich da reingekommen. Schließlich gab es auch die erste Party und da die richtig gut lief, gab es nun jedes Wochenende eine Party. Aus dem Elektro wurde plötzlich ein Club. Ich habe mich dann um den ganzen musikalischen Rahmen gekümmert. Wichtig war, dass wir das nicht kommerziell machen wollten. Die DJs haben umsonst aufgelegt. Leute wie Rock, Hell oder Christian Vogel waren dabei und Jimi Tenor hat auf seiner Orgel rumgespielt. Es ging ganz klar um die Atmosphäre und nicht ums Geld.

Wie seid ihr dann zu eurem zweiten Club, dem Panasonic gekommen?
Das Haus, in dem das Elektro war, sollte abgerissen werden, deswegen sind wir dann in die Invalidenstraße gezogen. Das war 1995. In der Zwischenzeit kam Klaus Kotai von Disco B aus München noch dazu. Mit ihm habe ich auch das erste Mal im Studio zusammen gearbeitet. Wir haben dann den Sprung gewagt, ein eigenes Label zu starten. Ein reines Autorenlabel, wo uns niemand reinredet.

Ging es dabei auch um eine Verschmelzung von Kunst und Musik?
Ja, Daniel hat für unser Label das Design entworfen und zu den ersten neun Veröffentlichungen jeweils ein Video produziert. Das Panasonic war dementsprechend auch mehr Konzept als das Elektro. Es ging nicht mehr um den reinen DJ-Club, wo jeder mal darf, sondern mehr um einen informativen Ansatz. Wir wollten so eine Art Informationszentrum. Wir veranstalteten Programm-abende. Es gab immer so etwas wie ein Motto, zum Beispiel Musik nur von einem Produzenten. Es sollte eine Intensität hergestellt werden und deswegen machten wir auch diese Art Werkschauen von bestimmten Musikern.

Das Panasonic kam nicht zuletzt wegen dieser Idee ziemlich gut an. Sowohl beim Publikum als auch in der Musikszene selbst: Warum habt ihr aufgehört?
Es gab und gibt einfach ein ziemliches Zeitproblem: Daniel ist mit seinen Kunstgeschichten beschäftigt und bereitet sich gerade auf eine Ausstellung in Frankfurt vor. Kotai befasst sich mit verschiedenen Produktionen und ich mit Auflegen und der Labelarbeit. Naja, wir sind inzwischen schon wieder auf der Suche nach einem neuen Raum, denn Lust ist da, so etwas wieder aufzuziehen. Allerdings könnten wir nur noch im Hintergrund mitmachen. Ein Konzept ausarbeiten und ab und zu selbst auflegen. Aber so wie früher- das würden wir gar nicht mehr schaffen. Im nachhinein war die Panasonic-Zeit, was die Produktion angeht, ein ziemlicher Blocker.

Aber in dieser Zeit entstanden doch auch Sachen, die sonst nicht passiert wären.
Sehr speziell ist auf jeden Fall Release Nr. 15. Da hatten wir 15 Video- und Musikloops zusammenproduziert. Die Produktionszeit war ungefähr ein dreiviertel Jahr. Das alles entstand fast ausschließlich im Club. Verschaltet waren da die computeranimierten Videogeschichten von Daniel und unsere Musiksachen. Das lief parallel. Wir haben das immer abgeglichen und geschaut, in welche Richtung wir uns jeweils entwickeln. Daraus haben wir jeweils ein Videomusikpaar ausgewählt. Allerdings ging es dabei nicht um Synchronizität. Denn wir wollten, dass erst der Zuhörer bzw. der Zuschauer das ganze synchronisiert. So betrachtet war das Panasonic als Club auch ein Release von uns.

Auf eurer neuen CD präsentiert ihr einen Querschnitt eurer Arbeit der letzten zwei Jahre. Es finden sich Sachen von anderen DJs in verschiedenen Kooperationen. Du selbst legst in verschiedenen Clubs auf. Es geht dir also auch um Dancefloor. Wenn man sich eure neue Veröffentlichung anhört, ist das meiste aber sehr reduziert und mehrschichtig und nicht unbedingt tanztauglich.
Wir sind ja im Labelkontext mehr Leute geworden und damit gibt es auch andere Ansätze. Ja, und dann gibt es da eben die Sachen von Daniel, die aus einem Kunstkontext stammen und so etwas wie Interludes darstellen, die eher was Erzählerisches haben. Wir wollten keine 4-to-the-floor Geschichten machen. Wobei die Tracks von Klaus Kotai durchaus Clubpotenzial haben. Techno hat sich einfach enorm verästelt. Es gibt Bereiche, die früher überhaupt nicht mit Techno verbunden worden wären. Techno muss dementsprechend auch nicht mehr nur Dancefloor sein. Naja, und irgendwo da mittendrin oder vielleicht auch eher am Rand stehen die Sachen von Elektro Music Department.

Interview: Marcus Peter

Die nächsten Clubevents mit EMD:
20.10. Maria am Ostbahnhof
EMD meets Pan Sonic

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