Ausgabe 09 - 2000berliner stadtzeitung
scheinschlag

Diese Ausgabe

Inhaltsverzeichnis


Zur Homepage

Rollt die Vaterrolle vorwärts ?


Was soll ich tun?
Falko Hennig, scheinschlag-Kollege, selbst Vater von 2 Kindern, kommt und raunt mir zu: "Dankbarkeit kannst du von deinen Kindern nicht erwarten. Die Hoffnung gib nur gleich auf. Dann kannst du nicht enttäuscht werden.- Dankbarkeit?! Von den Kindern? Gibts nicht!" Das bringt mich auch nicht weiter.
Endlich bekomme ich schriftliches Material zum Vaterrollenstudium: Die Elternbriefe. Gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und unterstützt durch die Landesministerien von Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz werden uns kostenfrei ins Haus geschickt. DA gehen sie hin, unsere Steuergelder, und SO mischt sich der Staat in unser Privatleben ein.
Im "Elternbrief 2" gibt es ein Kapitel über mich: den Vater. Ich bin sehr gespannt: Wie ist denn von staatlicher Sicht so der Stand der Forschung (mit einfachen Worten ausgedrückt)? Da steht ein erster Satz: "Vater sein, das wollte ich jedenfalls ganz anders, als ich das bei meinem Vater erlebt hatte." Und weiter unten steht: "Es ist heutzutage sehr unklar, wie ein Vater sein, was er tun und lassen soll. Das Spektrum reicht vom alleinverdienenden Familien oberhaupt bis zum Hausmann. Die meisten bewegen sich wohl irgendwo dazwischen." Auf jeden Fall bin ich wichtig, das steht da schwarz auf weiß. Nur wofür? Was ist meine Aufgabe? So fragen sich die Väter, also frag ich mich auch; noch mach ich alles richtig.
Sämtliche primären Bedürfnisse des Kindes werden von der Mutter befriedigt. Das ist klar. Mir bleiben also die sekundären Bedürfnisse. Der Überbau. Die kulturelle Identität. Das ist eine Aufgabenteilung nach meinem Geschmack. Ich versuche es mit Musik. Musik ist ja sehr wirkungsvoll, wenn man Botschaften in ein anderes Hirn einpflanzen will. Ich hab Johnny Cash aufgelegt, Cole Porter und Hans Albers. Das Kind reagiert ablehnend. Es bevorzugt ,liveď gegenüber Konserve und: so klein es ist, hat es doch schon ein Lieblingslied. Ein Lied, mit immerhin mehreren Textvarianten, das ich ihm nun regelmäßig vorsinge, um es mit seiner kulturellen Identität vertraut zu machen. Aber: Soll man sowas singen?:
Fuchs, du hast die Gans gestohlen,
gibt sie wieder her.
Sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr.
Seine große lange Flinte
schießt auf dich das Schrot,
dass dich färbt die rote Tinte
und dann bist du tot.
Was soll die Kleine da lernen?: Auf Diebstahl steht die Todestrafe; und "seine große lange Flinte / Schwänzchen in die Höh" spricht doch von den überkommenen Geschlechterverhältnissen.
Oder dieses andere: Da ist also ein Häschen, das hüpft nicht mehr. Hat vielleicht mal grad keine Lust. Will mal nur so dasitzen und seine Ruhe haben. Aber keine Chance: Häschen hüpf! Häschen hüpf! Und es gibt noch eine zweite, dunklere Interpretation: Wir haben das Häschen gefangen. Es sitzt in der Grube. Und dass wir dem Häschen zurufen, es möge doch hüpfen, ist blanker Zynismus. Aus der Grube gibt es kein Entrinnen. Das Leben endet mit dem Tod. Köpfchen unter Wasser. Morgen liegt Häschen als Braten auf dem Tisch. Und wir machen uns noch lustig darüber. Durch das Kulturgut unserer jüngsten Mitbürger zieht sich eine Blutspur. Da gibt es den Jäger aus Kurpfalz, der schießt das Wild daher, gleich wie es ihm gefällt. Wenn da auf einem Baum ein Kuckuck sitzt: Da kommt ein junger Jägersmann und schießt den Kuckuck tot.
Jawohl, so geht es zu auf der Welt, das kannst du gar nicht früh genug lernen, ansonsten aber ist alles in Ordnung und jetzt hör auf zu weinen. Denn um die Wahrheit zu sagen: Diese Lieder sind gar nicht für dich. Denn als ein Jahr vergangen, simsalabim bam ba saladu saladim: da war der Kuckuck wieder da. So ein Satz müsste es doch selbst einem Wurm wie dir klar machen: Die Mütter und die Väter sangen sich die Lieder selbst vor, um mit einem (in früheren Zeiten noch recht wahrscheinlichen) Verlust besser fertig zu werden. Wir singen über deinen Tod. Mach dir also keine Sorgen.

Hans Duschke

Kann Bov Bjerg dem Gruppenzwang widerstehen? Oder setzt auch er bald ein Kind in diese grausame Welt?

© scheinschlag 2000
Inhalt dieser Ausgabe | Home | Aktuelle Ausgabe | Archiv | Sitemap | E-Mail

  Ausgabe 09 - 2000