Ausgabe 05 - 2000berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Musik für die Massen

Kopfreisen

Lesen ist wie Reisen im Kopf und was für Literatur gilt, ist auch auf Musik übertragbar. Vielleicht haben musikalische Kopfreisen sogar noch eine stärkere Wirksamkeit, denn Musik wandelt sich direkt in Bilder. Was nicht heißt, Reflexion und Umsetzung seien nicht gefragt - im Gegenteil sie erhöhen noch das Vergnügen und intensivieren die Soundlandschaften, aber die musikalischen Symbole sind offener als die textbasierten.

Abstrakt und doch bilderreich geht es bei Stefan Betke seit nunmehr drei Veröffentlichungen zu. Unter dem Projektnamen Pole (Pias) verschmilzt er klassische Dub-Beats mit elektronischen Analogfilter-Basteleien. Beim Hören von Pole wird deutlich, was mit "der Weg ist das Ziel" gemeint sein könnte. Denn diese Musik ist in ständiger Bewegung. Wie bei einer Zugfahrt ist das Absurde, dass Landschaften unterschiedlichster Ausprägung vorbeiflimmern, ohne dass man sich selbst bewegt. Alles geschieht unaufgeregt und ohne Anstrengung. Die Titel geben die Bewegung und Orte wider: Karussell - Überfahrt - Strand - Rondell zwei. Dass Betke seine Reisen mitten in Berlin konzipiert, macht deutlich, dass Reisen nicht zwangsläufig mit Bewegung im Raum zu tun haben muss.

Die Eisenbahn ist der amerikanische Mythos des Reisens schlechthin (gleichauf mit dem Planwagen). Die Eisenbahn steht für Erorberung des Westens, Freiheit und niedergeknallte Büffelherden. Hot Rail ist der Titel des neuen Albums von Calexico (CitySlang). Hot Rail rufen sich auch die mexikanischen Gleisarbeiter zu, um vor herannahenden Zügen zu warnen. Natürlich waren und sind für die gefährlichen und dreckigen Arbeiten weniger Weiße, denn Coloured People zuständig - das gilt auch für die Cowboys, die nur in geringer Zahl Weiße waren. Und mit diesen Vertauschungen am amerikanischen Mythos spielen auch die beiden irgendwo in Arizona lebendenden Musiker John Convertino und Joey Burns. Kein musikalisches Klischee lassen sie aus: Mariachi-Gitarren und ganze Trompeten-Orchester machen aus Gods Own Country TexMex-Land. Was echt ist und was Ironie, ist nicht zu trennen.

Wie ein Reiseführer der besseren Art führt die French Dub Connection 2 (Echo Beach) durch französische Städte und Clubs. Wenn Bands wie Air, Daft Punk oder auch Motorbass mit dem Eifelturm oder dem Louvre gleichzusetzen und damit Allgemeingut sind, stehen die Orte, die mit der Dub Connection angesteuert werden, fast noch als weiße Flecken auf der Landkarte: In Zusammenarbeit mit dem französischen Musikmagazin Coda entstannt ein Sampler, der zu den versteckten Plätzen und Ecken führt, die noch nicht überlaufen sind. Die Route ist nicht genau festgelegt und gleicht mehr einer Entdeckungsreise. Anders als beim ersten Teil der Connection gibt Dub zwar auch hier die Richtung vor, aber immer wieder führen Umleitungen über TripHop, Breakbeat oder LatinHouse in weiter entfernte Regionen. Über der gesamten Compilation steht ein Public Enemy-Sample: Donęt believe the hype. Wie auch bei der ersten Veröffentlichung geben sich die Djins vom Pariser Hammerbass Label die Ehre und gestalten mit Public Enemy im Gepäck eine Etappe der Rundreise. In einer Mischung aus HipHop und Drum´n´Bass, bekommt dieser Sample durchaus programmatische Qualität, geht es doch auch darum die Aufmerksamkeit für Abseitiges zu schärfen. Und das ist gelungen.
Marcus Peter

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  Ausgabe 05 - 2000