Ausgabe 12 - 1999berliner stadtzeitung
scheinschlag

Diese Ausgabe

Inhaltsverzeichnis


Zur Homepage

Berlin 1899/1900.

Nach dem Muster der französischen Roulottetruppe ist jetzt ins American-Theater eine Berliner Roulotte eingezogen. Der bekannte grüne Komödiantenkarren auf der Bühne bildet die Staffage für eine von Oscar Klein hübsch zusammengestellte Revue, in der alle Kräfte des Theaters mit Direktor Schnabl an der Spitze eine Berliner "Schmiere" aufführen. Bis herab auf ein famoses Bänkelsängerpaar wird die Komödie la Striese in echtem Berlinischen Stil gespielt und findet bei ihrer Erstaufführung am Sylvestervorabend starken Beifall vor vollem Haus.
Die Musik des Kapellmeisters Scheibenhofer schmückt die Burleske mit einigen recht melodiösen Chansons.

Im Herrnfeld-Theater am Alexanderplatz bringt der Sylvester zwei Novitäten. Der Beifall, den die beiden Stücke von Anton und Donat Herrnfeld finden, lässt vermuten, dass sie für lange Zeit das Repertoire dieser Bühne bilden werden. Im "Cancanschuster" findet Bendix Gelegenheit zu beweisen, dass er seinen Namen "Der Urkomische" immer noch mit Recht trägt. Einen Teil des Stücks spielt er, wie es jetzt in den Theatern üblich ist, mit Schnurrbartbinde, und präsentiert sich dann nach Abnahme der Binde im Schmuck von "Es ist erreicht".

Das zweite Stück mit dem Titel "Die Gouvernante" ist ein Schwank. Es verlässt die Bahnen des etwas sentimentalen "Hausierer Jockels" und spekuliert erfolgreich auf die Lachlust der Zuschauer. Donat Herrnfeld, der in seiner Gestaltungskraft und Komik auch für manche große Bühne eine Zierde wäre, gibt die Hauptrolle des Häusermaklers Labanter ganz vortrefflich. Sein Kompagnon Heidenfeld findet in Herrn Grünecker einen guten Repräsentanten, wie auch Fritz Dreher und Josef Aschinger als gewissenlose Inhaber eines Detektivbüros vorzüglich sind.

In der Nervenheilanstalt von Santitätsrat Dr. Edel zu Charlottenburg versammeln sich am Silvesterabend die dazu passenden Kranken der Privat- und Kommunalabteilungen, etwa hundert, gegen 9 Uhr abends in den Gesellschaftsräumen. Das Fest wird mit einem Ball eröffnet, die Pausen dienen verschiedenen Vorführungen. So erregt die musikalische Unterhaltung durch einen Phonographen Staunen und stürmischen Applaus. Soli auf Violine und Klavier werden zum Teil von Patienten großer Virtuosität vorgetragen.

Den größten Beifall erringt die Vorführung des vergangenen Jahrhunderts in Wort und Bild. Acht große Plakatbilder sind zu diesem Zweck entworfen, von Napoleon I. und der Königin Luise anfangend, bis zum Transvaalkrieg und dem Ausblick auf unsere Zukunftsflotte. Die Vorführung dieser Bilder unter charakteristischer Musikbegleitung und die Erklärung in humoristischen Versen erregen Begeisterung und Heiterkeit. Letztere steigert sich noch bei einer Kostümpolonaise, Punsch und Pfannkuchen beleben ebenfalls die Stimmung. Der Anstaltsleiter bringt um Mitternacht ein begeistertes Hoch aus, alle beglückwünschen sich zum neuen Jahr und scheiden mit größter Befriedigung.

Die Menschenmassen strömen aus den Theatern, Tingeltangels und Kaffeehäusern auf die Straßen. In der milden Luft und der Dunkelheit bemerken die Menschen nicht die Verschmutzung der Kleidung durch den Zentimeter hoch liegenden zähen Dreck. Die Ströme der Wandernden drängen gegen Mitternacht zu drei Zentren. Zum ersten wie immer die Straße Unter den Linden und deren Mittelpunkt die berühmte Ecke von Kranzler und Café Bauer. Der zweite Versammlungsort ist diesmal der Schlossplatz. Mächtige Scheinwerfer bestrahlen von den Zinnen des Schlosses das Denkmal Kaiser Wilhelms I. Vom Lustgarten her dröhnen auch erstmalig seit langer Zeit Schüsse der dort aufgestellten Batterie der Gardeartillerie. Auch vor dem Rathaus haben Tausende Aufstellung genommen, die am weitesten sichtbare Rathausuhr bietet sich an, den Moment der Jahrhundertwende anzugeben.

Es geht wie ein brausender Sturm durch die Luft. Die ununterbrochene, von der Polizei in gezwungener Bewegung gehaltene Menschenmenge zwischen Brandenburger Tor und Rathaus ruft "Prosit Neujahr!", der Geschützdonner, das Läuten der Kirchenglocken, die Klänge der Musikkapelle, das Spielen Tausender Mundharmonikas, Trompeten, Waldteufel und Knarren mischen sich hinein.

Wieder beginnt der Kampf gegen die Zylinderhüte. Wo Jemand mit einer solchen Kopfbedeckung auftaucht, ertönt der vielstimmige Ruf: "Wichstopp! Wichstopp!" Die halbwüchsige Jugend, die nach ein Uhr die Herrschaft über die Straßen einnimmt, ruht nicht eher, als bis sie den stolzen Hauptschmuck "angetrieben" haben. Der Polizeioffizier, der gegen drei Uhr an der gefährlichen Ecke Behren- und Friedrichstraße die Operationen leitet, meint: "Die müssten eingesperrt werden, die in der Sylvesternacht im Zylinder sich in der Friedrichstraße sehen lassen."

In dichtem Nebel liegt die Reichshauptstadt, als es im neuen Jahr erstmalig Tag zu werden beginnt. Hier und da brennen in der Morgendämmerung noch einzelne Gasflammen. Es fehlt auch nicht an Schlägereien, erklärlich, bildet doch der Janhagel das Hauptkontingent des Straßenpublikums. Die Unfall- und Rettungsstationen haben viel Arbeit.
Falko Hennig

© scheinschlag 2000
Inhalt dieser Ausgabe | Home | Aktuelle Ausgabe | Archiv | Sitemap | E-Mail

  Ausgabe 12 - 1999