Ausgabe 11 - 1999berliner stadtzeitung
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Straße ohne Wiederkehr

Ladensterben in der Brunnenstraße

Bei etwa jedem dritten Haus blickt man durch verwahrloste, teilweise mit Plakaten überklebte Fenstern in gähnend leere Ladenräume, wenn man die Nord-Süd-Achse der Rosenthaler Vorstadt entlangläuft. In immer kürzeren Abständen kleben Schilder mit Aufschriften wie "Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe" oder "Nachmieter gesucht" an den Geschäften. In der Brunnenstraße zwischen Invaliden- und Bernauer Straße ist die derzeit prekäre Situation des kleinen Einzelhandels besonders anschaulich.

Im letzten Jahr haben dort unter anderem ein Photogeschäft, zwei Gebrauchtwarenläden, ein Schuhgeschäft, ein Jeansladen, eine Drogerie und sogar eine Filiale der Second Hand-Kleidungskette Humana - "kein Interesse am Standort", aber bei Beibehaltung der Filialenanzahl - ihre Geschäftsräume aufgegeben. Viele Objekte, wie das Gründerzeitgebäude an der Ecke Brunnen- und Veteranenstraße, stehen seit Jahren leer.

Seit Jahren Leerstand

Der Abwärtstrend des mittelständischen Einzelhandels in der Brunnenstraße wird vielerorts als typisch für die generelle derzeitige Branchenentwicklung betrachtet, aber es sind auch standortspezifische Faktoren festgestellt worden. In einer Befragung von Gewerbetreibenden in der Rosenthaler Vorstadt, die das Koordinationsbüro zur Unterstützung der Stadterneuerung 1996 durchgeführt hat, wurden drei wesentliche Problemfelder für den Einzelhandel aufgezählt.

Die Parkplatzsituation in der Rosenthaler Vorstadt, wo sogar nur für etwa jeden dritten Anwohner ein Parkplatz zur Verfügung steht, ist äußerst ungünstig für Kunden, die von außerhalb kommen. Die günstige Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel kann diesen Standortnachteil nicht auffangen. Auch die ungeklärten Eigentumsverhältnisse vieler Gewerbeimmobilien und die damit verbundenen unsicheren Mietverhältnisse erscheinen den Einzelhändlern als problematisch. Schließlich wurden Umsatzrückgänge aufgeführt, die von zwei Faktoren bedingt sind. Zum einen ziehen immer mehr Besserverdienende aus der Rosenthaler Vorstadt weg, die Übrigbleibenden verfügen über weniger Kaufkraft, so daß gerade mal Artikel des täglichen Bedarfs Absatz finden. Zum anderen liegt die Brunnenstraße im Einzugsgebiet gleich zweier kürzlich errichteter Einkaufszentren, des Gesundbrunnen-Centers in Wedding und der Schönhauser-Allee-Arcaden in Prenzlauer Berg, die mit ihrem konzentrierten und preisgünstigeren Angebot den kleineren Läden die Kunden abziehen. Die Brunnenstraße verkommt zur "Einflugschneise, an der nichts hängenbleibt", wie es ein ortsansässiger Bankfilialleiter in der Befragung des Koordinationsbüros formuliert hat.

Schlecker überall

Ein Problembewußtsein ist zumindest im Bezirk vorhanden. Das Koordinationsbüro hat mit der bereits erwähnten Studie den Ist-Zustand im Sanierungsgebiet beschrieben und einen Maßnahmenkatalog erarbeitet, von dem einige Vorschläge bereits realisiert worden sind. Die Wirtschaftsförderung des Bezirks Mitte hat einen "Einkaufsstadtplan" erstellt, der die Geschäfte in der Rosenthaler Vorstadt kompakt, informativ und ansprechend vorstellt. Das Koordinationsbüro hat eine Gewerbemietenübersicht und Vermietungscheckliste als Orientierungshilfe für Neumieter erarbeitet. Die Beratungsangebote für Einzelhändler und potentielle Investoren sind vielfältig.

Aber der Handlungsspielraum ist begrenzt. "Wenn neu gebaut oder ein Grundstück neu erschlossen wird, gibt es die Möglichkeit, daß Investoren entweder bei den Stadtplanern oder bei uns nachfragen, wie das Gebiet beschaffen ist, und welche Gewerbearten man ansiedeln könne, dann wird das mal durchgesprochen. Aber ob sich letztlich daran gehalten wird, da gibt es unsererseits keine Eingriffsmöglichkeiten. Es herrscht Gewerbefreiheit", so die Leiterin der Wirtschaftsförderung Mitte, Dr. Kerstin Rehmer. Wenn die Nutzungsart der Beschaffenheit der Räumlichkeiten ordungsgemäß entspricht, kann auch kuriosesten Entwicklungen wie der hohen Schlecker-Filialen-Dichte in der Rosenthaler Vorstadt oder der Eröffnung zweier Musikalienhandlungen fast vis--vis nicht entgegengesteuert werden.

Hoffnung bei Neueröffnung

Die Beeinflussung anderer wesentlicher Faktoren wie der rückläufigen Kaufkraft ist ein vorwiegend gesamtwirtschaftliches Problem, und die Konkurrenz durch wildwuchernde Einkaufszentren wird auf Senatsebene beschlossen - und dort auch massiv begünstigt. Auch wenn einige Neueröffnungen wie der kleine Technoplattenladen mit ausgewähltem Angebot und freundlicher Beratung oder der Asia-Spätkauf Hoffnung schöpfen lassen, guckt man beim Gang der Brunnenstraße entlang unweigerlich und besorgt nach Schildern, die die nächste Ladenschließung androhen.
Natalie Gravenor

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  Ausgabe 11 - 1999