Ausgabe 11 - 1999berliner stadtzeitung
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Horror im Kopf

Drei Studenten gehen in den Wald und verirren sich

Drei Studenten, eine Frau und zwei Männer, gehen auf Entdeckungstour in den Wald. Geplant ist ein Dokumentarfilm über eine Hexe, die in den Wäldern hausen soll, die Hexe von Blair. Die drei fahren unbekümmert los, befragen Einwohner des Ortes, aus dem die Hexe stammen soll und gehen in den Wald. Man ahnt bereits: so unbekümmert endet der Film nicht, wird zu Anfang doch der Hinweis eingeblendet, daß diese Aufnahmen ein Jahr nach dem Verschwinden der Protagonisten im Wald gefunden wurden. Über den Verbleib der drei weiß niemand etwas.

Das Ganze ist ein Projekt für was auch immer. Zu Beginn fuchtelt Heather mit Büchern in ihrem Zimmer herum und redet über ihr Projekt. Die beiden anderen, Josh und Michael, scheinen nur Erfüllungsgehilfen zu sein, die die Ausrüstung tragen, filmen und den Wagen fahren. Ein Wochenendausflug. Heather setzt sich auf einen Baumstamm und liest einen Abschnitt aus einem alten Buch über die Hexe vor. Einmal steht sie mit einem Mikrofon vor Landschaft und erzählt reißerisch, was sie bisher herausgefunden hat oder auch nicht.

Im Hotelzimmer stößt man auf das Projekt an und filmt sich dabei. Ebenso beim Einkauf für ein geplantes Picknick, Marshmellows und Würstchen. Josh hat eine 16mm-Kamera, und Michael ist für den Ton zuständig. Heather spricht die Kommentare und filmt die Dinge hinter dem offiziellen Geschehen mit einer High-8-Kamera. Es sind also immer sehr subjektive Bilder.

Irgendwann gehen sie in den Wald auf den Spuren der Hexe, sie haben eine Karte dabei und einen Kompaß. Und sie finden nichts, wenn man Steinhaufen als nichts bezeichnen will, die in einer bestimmten Ordnung auf einer Lichtung liegen. Sie bauen ihr Zelt auf, braten die Würstchen und die Marshmellows und sind guter Dinge. Am anderen Morgen liegt ein Steinhaufen vor ihrem Zelt, und in der Nacht haben sie etwas rascheln und trappeln gehört. Sie gehen immer tiefer in den Wald, Heather treibt die Jungs an. Sie hat eine Karte und weiß genau, wo es langgeht. Der Wald besteht nur aus Bäumen, kein Tier, kein Laub. Es ist Herbst. Manchmal hört man nur das Keuchen und das Rascheln von Schritten und sieht scheinbar tote Bäume. Die Bilder sind fürchterlich verwackelt, da im Laufen aufgenommen. Einmal sagt Michael gereizt: "We don t make a documentary about getting lost, were making a documentary about a witch." Ein schicker Querverweis, bei dem man verquält im sicheren Kinosessel lächeln kann über Selbstironie der Macher. Aber das ist schon die Meta-Ebene.

Als sie sich entschließen umzukehren, ist die Karte verschwunden. Sie drehen sich im Kreis, die Lage wird verzweifelt. Die subjektive Kamera von Heather hält immer drauf, auch in der Nacht, wenn die komischen Geräusche wiederkehren. Eigentlich ist nichts zu sehen, und das ist das Beunruhigende. Nur die vollendeten Tatsachen, die Funde vor dem Zelt, das Verschwinden Joshs. Die Verzweiflung und die Irrsinnsmomente, hervorgerufen durch den "Lagerkoller". Die schrecklichen Sachen spielen sich im Kopf des Zuschauers ab, der zwar weiß, daß die drei verlorengehen werden. Mehr weiß er aber auch nicht. Das unterscheidet diesen Film von anderen des Horrogenres, wo der Zuschauer immer mehr zu sehen bekommt als die Figuren und sich zumindest denken kann, was als nächstes passieren wird. In "The Blairwitch Project" kündigt keine Musik das dräuende Unheil an. Die Darsteller haben ihren richtigen Namen für die Figuren hergegeben, das heißt sie haben sich selbst gespielt. Sie haben im Zelt im Wald übernachtet, nur wissend, daß etwas passieren kann. Die Reaktionen auf die Geschehnisse waren nicht gespielt. So ist der Film eher ein inszenierter Dokumentarfilm, der aber auch keine Authentizität vorgibt. Man weiß, daß gespielt wird. Und: wie schon mehrfach zu lesen war; der eigentliche Horror findet im Kopf statt. Sehr phantasiebegabte Menschen werden sich sehr fürchten oder sollten lieber zu Hause bleiben.
Ingrid Beerbaum

The Blair Witch Project, D: Heather Donahue, Michael Williams und Joshua Leonard, Buch und Regie: Daniel Myrick und Eduardo Sanchez, Kinostart: 25. 11.99

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