Ausgabe 11 - 1999berliner stadtzeitung
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Landser in Thrombose-Strümpfen

Erstmals vor Auerochsen: Die Kammerspiele des Deutschen Theaters geben "Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte"

Wieso eigentlich nicht "Auerochsen"? Da zerbrechen sich Generationen von scheinschlag-KritikerInnen den ungekämmten Schädel über eine treffende Milieu-Beschreibung des Premierenpublikums am Deutschen Theater: Bourgeoise Kulturschickeria? Ne, zu despektierlich. Creme de la Boheme? Äh, naja. Statt dessen: Auerochsen.

"Sehr verehrte, liebe Auerochsen", wendet sich der Stein - nicht etwa der "Herr Stein", sondern ein echter Felsbrocken - an die versammelte Kennerschaft, und es klingt so freundlich, so versöhnlich, so egalitär, daß wir alle wohlig schnauben und mit den Prada-Hufen scharren.

Wie Heimat fühlt es sich an, wenn das Stammhirn mal wieder On-Line geht. Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, daß Homo Sapiens ausgangs des Milleniums als fragmentiertes und vernetztes Quasi-Subjekt durch den post-authentischen Erlebnis-Dschungel pirscht. Aber wenn ihm statt dem tausendsten Hyperlink ein zeitgenössisches Theaterstück in die Netze geht, das mehr kann, als la Schlingensief die nächste öffentliche Nichtigkeit zu antizipieren, dann läßt sich Homo Sapiens auch mal gerne "Auerochse" nennen. So ein Stück ist "Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte". Der junge Dramatiker Moritz Rinke präsentiert unter dem sperrigen Titel den Hirten des Rindviehs, den behelmten Germanen Helmbrecht (juvenil und doch alt wie ein Baum: Hubertus Hartmann), Inkarnation von Stamm und Stammhirn, den irgendeine Transporterfehlfunktion aus der Altvorderenzeit mitten in die Wiederaufnahmeproben von "Romeo und Julia" gebeamt hat. Nicht zufällig verweist das Begleitheft zu Stefan Ottenis Auftakt-Inszenierung als neuer künstlerischer Leiter an den DT-Kammerspielen (zusammen mit Martin Baucks) auf den guten alten Kapsar Hauser.

Als Regisseur von "Romeo und Julia" macht Felix (Guntram Brattia) eigentlich ziemlich viel richtig: Er hat sich eine tolle Balkonkulisse basteln lassen, kann Jesus-Witze erzählen, Kaffee kochen und berufstypische cholerische Schreiorgien veranstalten. Trotzdem materialisiert ausgerechnet auf seinem Kühlschrank diese verlotterte Riefenstahl-Figur, dieser Landser in Thrombose-Strümpfen: Helmbrecht, der Germane. Felix, der Egomane, ist "not amused", kann sich aber nicht recht zwischen Verdrängen und Verarschen entscheiden. Der bandagierte Barbar fabuliert über das "Steine belauschen" und "Schneeflocken begrüßen", bäurisch, poetisch und mit kindlicher Naivität, was den urbanen Durchblicker auf die deutsche Eiche bringt. "Der kommt hier rein wie Hölderlin!" greint Felix, um dann seinem Alter Ego ("Ich war auch mal so"), im peinlich-coolen Tanzduett (Danke Sonnenallee! Danke Leander Haußmann!) für einen Moment nahe zu sein.

Helmbrecht, der wandelnde, entwurzelte (!) Mythos, schmiegt sich an bei Felix, dem wandelnden ironischen Realismus, probiert, studiert, imitiert. Und er brilliert als Aushilfs-Romeo in der Balkonszene, diesem "Menschheitsmoment" (Felix), der hier als Angelpunkt der Neuzeit fungiert - dem Guckloch in die Sphäre des Erhabenen. Die Balz des Ochsenhirten rührt Julia (alias Anna alias Nina Hoss), und sie gestattet eine keusche Nacht auf der Federkernmatratze. Als der frohlockende Lover des morgens jedoch wie ein Didgeridoo tutet und dann einen kompletten Hirsch fürs Frühstück anschleift, ist Schluß mit romantisch.

Liebe Auerochsen! Daß Helmbrecht langsam freidreht, daß er sinnlose Versatzstücke von Felix' Szene-Sprech aneinanderkleistert, um Anna zu imponieren, und schließlich - wie Ungeziefer verschmäht - in die ewigen Wahngründe überwechselt, war zu erwarten. Daß er vorher seinen Stein konsultiert, seinen Talisman, der dann das Publikum als Rindvieh-Horde entlarvt, läßt sich verdauen. Doch daß schließlich Anna und Felix, dieses angetäuschte Bonnie- und-Clyde-Double, im sentimentalen Flashback dem knuffigen Germanen hinterhersehnen, daß stößt auf.

Das "verdrängte Eigene" kriecht gallebitter den Schlund der Moderne rauf. Wiederkäuen heißt es für die Auerochsen, die sich im übrigen wie Bolle amüsiert haben. Und zwar ganz ungermanisch, denn zwischen Humor und tieferer Einsicht errichtet der Deutsche an sich ja meist meterhohe Weidezäune. So funktioniert Helmbrecht ebenso als Anklage des einsam Aufrichtigen an die verächtliche Maskerade der "Society" wie als germanische Obelix-Adaption. Eine Warnung und ein Angebot, die zumindest bei Felix nicht ankommen: Als einsamer König-Lear-Verschnitt thront er im Brokat am Bühnenrand, einsichtslos, um ihn herum die Apokalypse. "Die haben irgendwelche Grenzen aufgemacht, die besser zugeblieben wären." Dann birst der Alexanderplatz entzwei.
Klemens Vogel

Nächste Vorstellungen: 17.11., 23.11., 26.11. jeweils 19.30 Uhr in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

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  Ausgabe 11 - 1999