Ausgabe 09 - 1999berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Musik für die Massen

Herbstsalon

Ähnlich wie zur herbstlichen Buchmesse ein aberwitziges Angebot an Neuerscheinungen auftaucht, wertet auch die Musikindustrie die länger werdenden Tage als Signal für einen verstärkten Ausstoß an neuem Tonmaterial. An sich nicht schlecht, verbringt man doch wieder mehr Zeit in den eigenen vier Wänden und Musikhören wird wieder eine intensivere Beschäftigung.

Zu Beginn eine Veröffentlichung, die in ihrer Gesamtheit gleich mehrere Abende mit offenen Ohren in Anspruch nimmt: Das englische Dance und Avantgardelabel WARP feiert seinen zehnten Geburtstag mit drei Doppel-CDs, gegliedert in "Influences", "Essentials" und "Remixe" (RoughTrade). Auf den beiden ersten CDs wird Musikgeschichte vom frühen Detroit House la Phuture und Mr. Fingers über die ersten englischen Acid-Acts wie 808 State und spätere Warp Helden in der Größenordnung von Nightmares on Wax nachgezeichnet. Das eigentliche Highlight der Geburtstagsveröffentlichung ist aber das Remix-Album. Hier mischen Warp-Bands wie Autechre oder Plaid und verwandte Seelen anderer Labels wie Pram, Stereolab, Mogwai oder Oval ihre Favoriten neu ab. Die Mischung, die dabei aus musikalischem Tribut und konsequenter Fortentwicklung des "Warp-Stils" entstand, ist verspielt und eigenwillig, und in vielen Fällen durchaus richtungsweisend. Ähnlich innovativ erweist sich das "Kammerflimmer Kollektief". Mal davon abgesehen, daß die Schreibweise einigermaßen unorginell ist und sich hinter dieser Band nur Thomas Weber verbirgt, hat "Mäander" (Community/Virgin) das Zeug zur Platte des Monats. Inspiriert von einem Freejazzumfeld (Weber spielt Live tatsächlich in einem Kollektiv) ersetzt der Computer die Gefährten und läßt aus diversen Jazzminiaturen vor wenig beunruhigenden Rhythmen swingende Melodien entstehen. Natürlich zerfallen diese immer wieder, versinken in seltsamen Attacken minimalistischer Spielwut und verschmelzen dann wieder in Richtung Ausgangspunkt. Absolut bravourös.

"Peace Orchestra" (Stud!o K7) nennt Peter Kruder sein erstes größeres Soloprojekt. Ohne seinen Kollegen Richard Dorfmeister bleibt er in weiten Teilen dem gewohnten Wiener-Smooth-Stile verbunden, allerdings wirkt alles etwas steifer, unterkühlter. Jeder Song enthält zwar nach wie vor die so eingängigen Rhythmuselemente, doch kommen diese nur gedämpft zur Entfaltung. Das Album glänzt nicht gerade durch Überraschungen, aber wenn man sich erst einmal auf die etwas distanzierte Atmosphäre eingelassen hat, ist die Könnerschaft am Sampler und Sequenzer durchaus ein Grund zur Freude. Ganz ohne Elektronik glänzen "Vibes": Nur mit Schlagzeug, Baß und Vibraphon zelebrieren sie mit "Withdrawn" (Ninety-Nine) Stilpflege in Sachen Jazz. Auf einer musikalischen Basis, die zwischen Big-Band und Freejazz hin und her schwingt, entwirft vor allem Bill Ware am Vibraphon Atmosphären, die zwischen der absoluten Coolness einer Cocktailbar und dem warmen Willkommen in der Lieblingswohnzimmerbar liegen. Vollkommen skurril wird es bei der Coverversion "House Of The Rising Sun": Mit Hilfe welcher Verzerrer auch immer, wird hier aus dem weichen Virbraphon ein dermaßen schrill-kühles Instrument, daß dieser Song zum idealen Soundtrack für eine Neuverfilmung der Edgar Wallace Filme wird.
Marcus Peter

© scheinschlag 2000
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  Ausgabe 09 - 1999