Ausgabe 09 - 1999berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Ost-Siebziger in Westfarben

Ein unvoreingenommener Westblick auf die "alten Zeiten" der DDR

Ein hornbebrillter Junge mit einer Schultüte, beinahe größer als er selber, blinzelt in die Kamera. Die Tüte wird mancher wiedererkennen. Die gab es massenhaft, für die Mädchen in Rot, für die Jungen in Blau. Im Hintergrund die Schule. Erinnerungen werden wach. "Thomas Hoepker - Aus alten Zeiten" ist der Titel der Ausstellung in der Galerie Imago Fotokunst.

Die alten Zeiten sind der Beginn der siebziger Jahre in der DDR, die kurze Tauwetter-Periode. Thomas Hoepker war in dieser Zeit Stern-Korrespondent und konnte sich mit einer Sondergenehmigung relativ unbehelligt zwischen Ost und West bewegen. Die ausgestellten Fotografien sind zumeist auf Streifzügen durch Berlin und Umgebung entstanden.

Viele der Arbeiten sind farbig. Und eines ist seltsam: Beim Betrachten kommen Zweifel an der eigenen Erinnerung auf. Waren die Fahnen wirklich so knallig rot und blau? Oder hatte der Westfotograf nur besseres Material zur Verfügung, um die Farben brillianter erscheinen zu lassen? Oder lag es daran, daß die Siebziger bunter waren als die Achtziger? ZU schnell sitzt man wohl Fernsehbildern auf, die die vergangene Zeit nur in verwaschenem Orwo-Color wiederauferstehen lassen. Und die Privatfotos waren sowieso schwarzweiß, weil viel billiger.

Hoepcker hat offenbar die DDR unvoreingenommen auf sich wirken lassen und abgelichtet, was er sah. Dazu gehören Massenaufmärsche der Kampfgruppen und der FDJ genauso wie Ausflügler oder Schüler einer Tanzschule. Sogar ein Großkampfveranstaltung am Treptower Ehrenmal bekommt durch die intensive Farbigkeit der leuchtenden Fackeln eine Art ästhetischer Größe. So gesehen, funktioniert die Intention der Veranstalter, nur leider mit mindestens 10 Jahren Verspätung.

Daneben viele kleine Alltagsbeobachtungen: Ein Schild mit der Aufschrift:"Straße der Befreiung - gesperrt", Ein NVA-Soldat, der einen Kinderwagen vor sich herschiebt oder ein Schaufenster, in dem vor einer verschlissenen Netzgardine vier gleiche Hydropflanzen dahinvegetieren. Ein Topf ist schwarz, die anderen irgendwie beige, oben links in der Ecke ein Schild: Ministerium für Kultur - Veranstaltungsbüro.

Den Individuen ist schwarzweiß vorbehalten. Besonders bleiben die Porträts von DDR-Intellektuellen haften. Anna Seghers in ihrem mit Büchern vollgestopften Zimmer, Stephan Heym vor dem Mosaik des Hauses der Ministerien oder Wolf Biermann und Robert Havemann in dessen Wohnung am Vorabend der Reise Biermanns nach Köln. Alle blicken ernst und eher desillusioniert in die Kamera.

Durch den fremden Blick wird vieles Bekannte oder Gehaßte ästhetisiert, fast schön. Die Fremdheit verhindert auch eine mögliche Verklärung, nur einmal, bei einer Straßenszene aus dem Prenzlauer Berg wird einem richtig warm umęs Herz. Eine jüngere und eine ältere Frau laufen mit einem kleinen Jungen nebeneinander, in nachmittägliches, goldenes Winterlicht getaucht eine leicht abschüssige Straße entlang. Um sie herum trübgraubraune Häuserfronten, die aber nur Kulisse sind für dieses fast schon altmeisterliche Familienidyll ohne Vater.
Ingrid Beerbaum

Thomas Hoepcker - Aus alten Zeiten, Galerie Imago, Sophienstraße 32, noch bis zum 7. November, Di.-Fr. 12-19 Uhr und Sa. 14-18 Uhr

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