Ausgabe 09 - 1999berliner stadtzeitung
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"Beeilung, wir wollen in den Westen!"

In zehn Gesprächsprotokollen hat die Autorin Inge Thormeyer Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Prenzlauer Berg zum "Wendeherbst" 1989 zu Wort kommen lassen. Ihre Erinnerungen, die Befindlichkeit von heute und ihre Wünsche für morgen wurden festgehalten. Nicht bekannte Bürgerrechtler, Politiker oder andere Prominente stehen im Mittelpunkt, sondern der Alltag kommt zum Vorschein. Ines (30), Studentin, ist eine der Befragten.

Im Sommer 1989 habe ich im Krankenhaus in Mitte als Krankenschwester gearbeitet. Unser Krankenhaus lag direkt an der Mauer, direkt gegenüber dem Kreuzberger Kinderbauernhof. Ich habę vom Westen aber sonst nicht viel mitbekommen, nur eben mal Kinder, die mit irgendwelchen Schweinen spielten; mal lief auch ein Pony rum, und jedesmal zum 1. Mai war Randale. Einmal ist die ganze Einrichtung abgebrannt.

Also, wir waren eine Klinik für Innere Medizin, vorwiegend alte Leute als Patienten. Unsere Opis haben, mangels anderer Unterhaltung, immer am Fenster gesessen, in Richtung Westen geguckt und sich wie Bolle amüsiert. Wieso? Na, der Grenzstreifen war in Wurfweite, und da hoppelten die Kaninchen rum. Unsere Opis haben ihre Schrippen rübergeworfen, und manchmal wurde dadurch , durch die Berührung der Klingeldrähte, Alarm ausgelöst. Dann machte der Grenzposten an der Michaelskirche die Mauer auf, und die Kaninchen flitzten durchs Pförtchen auf den Michaelkirchplatz und fraßen dort das Grünzeug. Gepennt haben sie aber immer auf dem kahlen Grenzstreifen. Wenn du so willst, hatten wir auch schon vor dem 9. November einen regen Grenzverkehr.

Aber zurück zum Sommer 1989. Viele unserer Schwestern und Pfleger waren über Ungarn in den Westen abgehauen. Das wurde sozusagen ohne Diskussion geschluckt. Beispiel: Wer früher nicht pünktlich zur Frühschicht kam, der hatte verschlafen oder war krank. Wer jetzt viertel nach sechs nicht zur Schicht da war, der wurde kommentarlos aus dem Schichtplan gestrichen, war eben auch in den Westen abgehauen. Auch Schwester L. kam eines Morgens nicht. Ich war mit ihr befreundet und in der nächsten Nacht rief sie mich an. Sie war in Westberlin. Über Ungarn konnte sie nicht abgehauen sein, so von einem Tag auf den anderen. Also wie? Wollte sie nicht sagen, meinte nur, sie brauche Geld und müsse die Story erst mal "first class" im Westen verkaufen. Aber wir sollten alle zwischen Früh- und Spätdienst am Fenster stehen und ihr winken. Sie würde dann auf der anderen Seite, auf dem Kinderbauernhof stehen. L. kam dann wirklich auf den Kinderbauernhof und hat gewunken. Alle standen bei uns am Fenster und heulten. So ´ne absurde Situation. Man sah sich, aber man konnte nicht miteinander sprechen. Ihre Geschichte war schon ziemlich gruselig. Sie hatte sich bei ihrem Freund in den Beifahrersitz ihres "Minis" einnähen lassen. Sicher, sie war sehr zierlich, wog nur 45 Kilo und hatte mal Akrobatik gemacht, aber trotzdem...

Von Schabowskis Worten am Abend des 9. Novembers habe ich nichts mitbekommen. Ich hatte Spätdienst und am 10. November gleich Frühdienst. Also fünf Stunden Schlaf bei kurzem Wechsel. Ich bin in meine kalte Wohnung gefahren, so mit Außenwänden und Außentoilette, und mußte mit meiner alten Heizsonne erst mal erträgliche Temperaturen schaffen. Bei mir waren 4 bis 5 Grad. Ich hab dann Waschwasser auf dem Herd warmgemacht, mich gewaschen und bin dann eingeschlafen. Ich hab nichts mitgekriegt. Früh um 4 Uhr hab´ ich das Radio angemacht. Ich war noch total verschlafen.

Beim Kaffeekochen hab´ ich gehört, die Mauer ist auf. Ich hab´ gedacht, ich bin durchgedreht. Um die Zeit konnte ich auch keinen fragen. Ich hab´ mich dann selber ins Ohr gekniffen, um zu spüren, ob ich überhaupt schon wach bin. Dann bin ich auf Arbeit gefahren. Der Nachtdienst stand schon angezogen da, was nicht üblich war. "Beeilung, wir wollen in den Westen!" hieß es nur.

Es war eine so komische Stimmung. Alles war aufgeregt. Die Patienten haben zu uns immer gesagt: "Sie sind noch jung, gehen Sie rüber..." Wir haben die Opis gefragt, die Berlin noch vor dem Mauerfall kannten, wie wir uns denn da drüben zurechtfinden sollten. Die haben uns erklärt, daß im Westen alles ausgeschildert ist und man sich überall zurechtfindet. Gegen 10 Uhr riefen die Nachtschwestern an: "Eh, wir sind im Westen, sind beim Bäcker. Hier gibt´s 40 Sorten Brot!" Dann haben sie aufgelegt. Unsere Stationsschwester meinte zu uns beiden Übriggebliebenen: "Fahren Sie mal rüber, wer weiß, ob sie wieder zumachen. Aber nehmen sie sich Stullen mit. Im Westen ist es teuer." Wir wollten natürlich nicht mit Stulle rüber und sind so los. Wir haben uns dann Heinrich-Heine-Straße angestellt mit unserem DPA. In der Schlange standen lauter durchgedrehte Leute. Als wir durch die Kontrolle waren, hat die andere Schwester bitterlich geheult. Ich mußte sie erstmal trösten. Frag´ mich nicht warum.

"Wo laufen wir denn hin", fragte sie. Ich: "Zum Kinderbauernhof, ich will das jetzt mal von der anderen Seite sehen." Von da aus sind wir dann am Bethaniendamm langgelaufen. Da hat uns ein netter Türke angesprochen, so mit "Willkommen im Westen", oder so. Er gab uns gleich seine Telefonnummer, wir sollten mal vorbeikommen. Dann sind wir zu Freunden, zum Kottbusser Damm gelaufen.

Der erste Eindruck, das waren die Balkons voller Grünpflanzen. Das war so im Osten nicht. Schließlich war November. Ja, und die vielen kleinen Läden, das Leben, das sich draußen, davor, abspielte. Die vielen türkischen Bäckereien mit ihren in Sirup eingelegten Teigtäschchen und all den kugeligen Sachen. Ich war beeindruckt von der Vielfalt des Essens, von Obst und Gemüse, das ich nicht kannte. Den Wessis hat es auch ursten Spaß gemacht, uns zu erklären, was Carambola oder Avocados sind. Wir hatten auch noch nie ´nen Döner gesehen, geschweige denn gegessen.

Ich hab´ gedacht, wenn so viele Türken in Berlin sind, dann wird man auch türkische Freunde finden. Ich hab´ mir damals auch vorgestellt, viele Westberliner hätten türkische Freunde. Es war da in Kreuzberg einfach eine nette Atmosphäre, nicht wie etwa: Wollt Ihr Bananen? Nur mal so als Einschub. Später haben wir dann meine Oma mit rübergenommen. Die war ganz hin und weg, weil es überall Weintrauben auf der Straße gab. Und als wir bei Olaf in der WG gefrühstückt haben, hatte sie ein Ei mit zwei Dottern erwischt. Seitdem ist sie der Meinung, im Westen hätten alle Eier zwei Dotter.

Aber zugegeben, die Stationsschwester hatte recht, am ersten Tag sind wir ziemlich ausgehungert in den Osten zurückgegangen. Denn Geld haben wir an dem Tag nicht gehabt.

Später bin ich dann fast jeden Tag rübergegangen. Aber immer auch wieder zurück, mußte mich von den Eindrücken erholen. Obwohl, in den ganzen Kauftempeln war ich nicht. Von den 100 Mark Begrüßungsgeld habe ich zuerst eine Kokosnuß gekauft und eine Kinokarte für Wim Wenders "Alice in den Städten" im Moviemento.

Meine Wertigkeiten haben sich durch den Gesellschaftswechsel nicht geändert. Freundschaften sind mir nach wie vor wichtig. Ja, und Bücher habe ich auch schon immer gelesen. Sicher, ich muß mich jetzt mit einem ziemlich knappen Budget über die Runden lavieren. Fachbücher zu kaufen kann ich mir meist nicht leisten. Aber Geld ist für mich relativ. Ich habe keine existenziellen Sorgen. Und ich habe auch immer Leute, die ich um Hilfe bitten kann.

Was für mich wichtig geworden ist, ist Ruhe. Das Leben war früher weniger schnell und laut. Ich denke, daß ich heute ein zurückgezogeneres Leben führe als früher. Aber ich mag diese hektische Betriebsamkeit nicht. Auch diese Infoflut, die über uns hereingebrochen ist, sagt mir nichts. Nein, ich gehöre nicht zur Kategorie der Medienverweigerer. Ich lese aber selten Zeitungen und Magazine. Denn die Info allein ist nichts wert, wenn ich keine Zeit habe, mich eingehend damit zu beschäftigen.

Am sogenannten gesellschaftlichen Leben nehme ich nicht teil. Interessiert mich alles nicht. Diese ganze "Have a good time"-Mentalität ist für mich auch nicht wichtig. Und dieses Bild vom erfolgreichen Menschen, die Übersetzung in den konkreten Alltag finde ich schon beängstigend. Ich finde die Wessis oft auf eigenartige Weise geduckt. Sie setzen sich einem Erfolgsdruck aus, den sie selber nicht mit Sinn belegen können. Wessis verwechseln oft auch Selbstverwirklichung mit schlechtem Benehmen, legen oft ein ungehobeltes, unsoziales Verhalten an den Tag. Das läßt sich auch an der Uni beobachten.

1997 war ich in Polen in Urlaub. Wer aus dem Osten oder Westen kam, bemerkten die polnischen Gastgeber schon an Kleinigkeiten im Sozialverhalten. So Teller in die Küche tragen, wenn man sieht, wie die Omi sich da abschuftet. Ist einfach eine Sache der Höflichkeit. Die Wessis gehen davon aus, sie haben schließlich bezahlt. Auch dieses furchtlose Duzen, was im Westen angesagt ist, habe ich bis heute nicht mitgemacht.

Meinen Platz in der Gesellschaft könnte ich nicht einfach so definieren. Der ist ja nicht statisch, man verändert sich.


Stark gekürzt entnommen aus der gerade erschienenen Broschüre "Mittendrin im zehnten Jahr der Einheit - 10 Gesprächsprotokolle aus dem Prenzlauer Berg", 100 Seiten, 12 Fotos, 10 DM, herausgegeben vom Kulturverein Prenzlauer Berg, fon 444 26 21.
Lesung aus der Broschüre am 8. November um 20 Uhr imLesecafé Mittendrin, Bornholmer Str. 18


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