Ausgabe 09 - 1999berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Schicksal.


Dass ich zur Welt kam, nachdem meine Mutter am Vormittag noch einmal ganz groß einkaufen gewesen war und die vollen Taschen am Fahrradlenker nach Hause gefahren hatte; für die Familie, das heißt für sich, für meinen Vater und die zwei bereits vorhandenen Geschwister Eintopf für die nächsten zwei Tage im voraus gekocht, anschließend sauber gemacht, die Wohnzimmerfenster geputzt, auch unter dem Spülstein noch einmal gewischt hatte; dass ich an diesem Samstagnachmittag, so ungefähr kurz vor halbvier endlich zur Welt kam, um zwei Tage am Stück einfach nur zu schlafen, und sonst nichts: Nimmt all das nicht letztlich meinen lebenslang vorbestimmten Tagesablauf gleichsam schicksalhaft vorweg? Nicht? Na, dann eben nicht.
(Übrigens bin ich der Ansicht, dass durch meine Geburt zu eben dieser Uhrzeit - schließlich war die Bundesliga gerade erfunden - und mit dem Beginn meiner Existenz auch diese ganze Existenz als solche durchaus in einen höheren Sinnzusammenhang gestellt wird, wenn nicht sogar in eine höchst sinnfällige Kausalität. - Dass dazu auch das Autowaschen gehört, steht allerdings auf einem anderen Blatt.)
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Ordentliche Gebrauchslyrik: "Hardt-Baustoffe. Und Fäkalien sind Lapalien." Mit zwei P? Ach, schweiget stille, Banausen!
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Gepresstes Kinderweinen. In der Kita gegenüber steht ein Bub im offenen Fenster, er sieht älter aus als gewöhnliche Kitakinder, und greint. Er krallt sich links und rechts im Fensterrahmen fest, er hängt und drängt nach draußen. Der langhaarige Vater steht, zum Einsteigen ins Auto und zum Wegfahren bereit, schon auf der Straße und schaut. Die Erzieherin hält das Kind von hinten an den Hüften fest. Als ob sie das Gummiband einer großen Schleuder spannt. Der Vater tritt näher zum Fenster, die Spannung im Gummiband lässt nach. Das Kind plumpst in die Arme des Vaters. Plopp. Er trägt es - es ist wirklich schon viel zu groß, um noch getragen zu werden -, tröstet es, redet ihm gut zu, geht mit dem Kind im Arm die Straße hoch. Sein Auto, einen alten Audi 80 oder so ähnlich, lässt er in zweiter Reihe stehen. Kaum ist er um die Ecke, besteigt eine sehr dicke Frau ihren von links vorn halb zugeparkten Mini-Van. Und beginnt zu kurbeln. Das wird eng. Oh, sie versucht es nicht rückwärts, sie will geradeaus raus. Das wird natürlich noch enger. Hupen. Die Erzieherin schaut teilnahmslos aus dem Fenster. Die dicke Frau kurbelt. Vor, zurück, vor, zurück. Huuupt.
Hupt nochmal. Dreht die Scheibe runter und schaut fragend in die Gegend. Sucht die Fenster der Häuser ab. Hupt wieder. Kurbelt. Vor, zurück, vor, zurück. Ist so gut wie draußen. Hupt nochmal, etwas länger, etwas wütender als vorher. Nichts rührt sich. Sie rollt langsam aus der Lücke, zur Kreuzung. Dort kommt gerade der Vater mit dem Kind um die Ecke. Für drei Sekunden sind die Frau und der Mann nur ein paar Meter voneinander entfernt und wissen doch nicht, was sie gerade eben noch verband. Die dicke Frau fährt weiter. Der Mann verstaut sein Kind auf dem Rücksitz und fährt auch davon.
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Ein Krokodil im Zoo: Grinsend liegt der breite Schädel flach auf dem Beton. Rutscht mir doch den Buckel runter. Ich hab die Saurier noch gesehen, so what? Gelassenheit durch Bestand in der Evolution. Doch der Preis ist hoch. Wäre der Türsteher vom Club Erde nicht so liberal, hätte das Tier wohl längst schon keine Chance mehr, hier hereinzukommen. Sein Outfit geht nicht mal mehr als »80er Jahre« durch. Und besonders gut tanzen kann es auch nicht.
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Gerücht: Auf dem Arbeitsamt in Neukölln gibt es einen Sachbearbeiter, der dreht in seiner Freizeit Pornofilme. Mit Figuren aus Knetmasse. Den Knetfiguren gibt er die Namen seiner Chefs.
Doch, so ein Hobby hätt´ ich auch gern. Aber ich bin ja mein eigener Chef.


Bov Bjerg

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