Ausgabe 07 - 1999berliner stadtzeitung
scheinschlag

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realismo + razionalismo

Zum 100. Geburtstag des Architekten, Designers, Malers, Schriftstellers Mucchi

25. Juni, Mailand, Castello Sforzesco.

Strahlender Sommertag.
Der Schlossplatz am Ende der Via Dante. Geregelte Touristenströmen vor der gewaltigen, mit Ziegeln gemauerten Anlage. Der Innenhof von der Größe eines Stadions. Mit Efeu bewachsene Fassaden. Ein Baugerüst. Restauro. Hoher, metallischer Ton eines Flaschenzuges, mit dem Eimer zur Baustelle befördert werden. Schwalben, die übers Gelände ziehen und kleine Schatten werfen. Eklipsen.

Pressekonferenz in der Sala Weiss.
10 Uhr 30. Mucchi ist pünktlich. Ein Spaziergang durch die Atrien der Anlage. Versuch, im Schatten zu bleiben.


Du kommst aus Berlin?
Ja.
Und warum bist du hier?
Weil ich über deine Ausstellung schreiben will.
Also: Dann schreib, dass du Mucchi gesehen hast.
Das werde ich tun. Darf ich dir
bei dieser Gelegenheit gratulieren? Mach das, mach', wie es dir gefällt.

Die Sala Weiss, eine alte Bibliothek mit Galerie.
Im Vorraum werden Pressemappen verteilt. Abgedunkelte Räume, angenehme Kühle. Die Konferenz beginnt mit einer Verzögerung; kleinere Begrüßungen, warten. Der Stadtrat für Kultur kommt nicht. Die Reihe der Namensschilder auf dem Podium ist vertauscht. Kleinere Irritationen, man beschließt, nicht mehr auf den Stadtrat zu warten.
Raffaele De Grada spricht über die realistische Tradition in der italienischen Malerei. Nicht als stilistische, sondern als historische Kategorie sei der Realismus zu begreifen. Le potenzialitá dell´ illuminismo. Aufklärung und Gegenreformation im 17.Jahrhundert; Romantizismus und Realismus im 19. Jahrhundert. Kunstgeschichtliche Panoramen.

Augusto Rossari spricht über die Tradition des italienischen Rationalismus in der Architektur. Die Einheit der Künste, der Mucchi sich verpflichtet weiß. Die Entwicklung einer modernen Urbanistik, an der Mucchi beteiligt war; seine Mitarbeit am "Plan R" und "QT8",
Maßstäbe des Wiederaufbaus im Italien der 40er und 50er Jahre. Mucchi als Begleiter einer europäischen Avantgarde, eines Prozesses, der von den 20ern bis in die späten 60er Jahre reicht.
Der Stadtrat für Kultur erscheint, als Mucchi das Schlußwort spricht.


Ich darf nur bemerken, dass meine 100 Jahre viel einfacher sind als das, was die Herren zuvor über mich gesagt haben.
Ich arbeite, ich liebe, ich bin. Mehr kann ich nicht sagen. Es ist mir daher unmöglich, eine Ansprache zu halten. Ich danke euch allen, die ihr gekommen seid, die ihr zugehört habt; ich danke euch und jetzt: machen wir weiter.

Der Stadtrat für Kultur erscheint betont geschäftig. Händeschütteln. Vereinzelte Blitzlichter. Repräsentation am Rand ihrer Peinlichkeit. Die Kommune hat alles unternommen, damit dieser Tag kein besonderer Tag wird. Hier, in Mailand, versucht man ihn zu verschweigen. Und in der Tat wurde die Austellung im Castello Sforzesco nicht von der Comune di Milano angestrengt, sondern von Freunden, der Familie, Genossen. Sogar das Goetheinstitut, das für den Ehrendoktor der Humboldt-Universität und das Mitglied der Berliner Akademie der Künste einen Empfang zu geben sich erboten hatte, wusste man geschickt auszubremsen. Man unternahm schlicht alles, um bloß keine Feierlichkeiten aufkommen zu lassen.

Und so gab es, zur überlaufenen Ausstellungseröffnung, weder Wein, noch ein Buffet. Man ließ es bei einer Unverschämtheit bewenden, einer Beleidigung, die vor allem zeigt: Mucchi hat die richtigen Gegner. Die Stadt ist in den Händen jener Cliquen, die seit Beginn der 90er Jahre, seit der Revision des italienischen Parteiensystems, um Silvio Berlusconi und seine Forza Italia sich scharen. Mailand steht hier für die italienische Variante eines Neoliberalismus, der auf Geschichte nichts gibt, zumal, wenn diese Geschichte Eigensinn zeigt, den Kommunismus nicht verwirft und realistisch malt. Die Zumutung eines Zeitgenossen, der das vergehende Jahrhundert begleitet und in ihm Position bezogen hat.

i g wilms

Ausstellungen (Auswahl):
Realismo + Razionalismo (Teil 1);
Bilder von 1928-1990:23.Juli-10.Okt.
Stadtmuseum im Ephraim-Palais, Poststr.16, Mitte; Eröffnung: 22.07., 18-21 Uhr

Realismo + Razionalismo (Teil 3);
Fotografien, Architekturen, Bühnenbilder und Möbel:28.Aug.-25.Sept.
Kunststiftung Poll, Gipsstr.3, Mitte;
Eröffnung: 27.08., 19-21 Uhr
weiter hinweise über: kunst@poll-berlin.de

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