Ausgabe 02 - 1999berliner stadtzeitung
scheinschlag

Diese Ausgabe

Inhaltsverzeichnis


Zur Homepage

Berlin, 19. März 1899

Brief aus der Reichshauptstadt von Alfred Kerr

Diese Woche war eine Totenwoche... In der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch erschoß sich Hermann Müller, der Schauspieler des Deutschen Theaters. Genau eine Woche vorher, in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch, waren wir beisammen. Die Uhr schlug zehn, da trat er ein; es war eine kleine Gesellschaft im Haus eines Malers; wir saßen noch bei Tisch. Max Halbe sprach zu einer Sängerin hinüber, und eine Gruppe kämpfte um den kategorischen Imperativ und den Idiotismus neuerer Philosophie.

Seltsam, wie jede Einzelheit nachträglich doppelt stark in die Erinnerung kommt. Er erschien im Türrahmen; feierlicher als wir, im Frack und weißer Binde, blaß und mit jenem gesellschaftlich freundlichen Lächeln, hinter dem meistens etwas Nervöses lag. Er mußte nachessen; unsere lauten Stimmen umsummten seinen Kopf. "Sie wollten sich nicht zum Lügner machen lassen", rief ihm jemand zu, mit einer Anspielung auf die letzten Worte, die er heute abend im "Fuhrmann Henschel" zu sprechen gehabt hatte. Er lächelte und nickte. Er gab in diesem Werk den Pferdehändler Walther, Henschels Schwager, der in der Kneipenszene schicksalsvoll eingreift.

Wir waren sehr vergnügt. Er schien ernst und in aller norddeutsch-gesellschaftlichen Korrektheit immer mit jenem leisen Zug, der etwas zu verhalten schien; aber nicht tragisch. Es wurde spät und sogar später. Als jemand einen Witz ohne Pointe äußerte, begann er ruhig, die pointenlose Geschichte von der stehengebliebenen Peitsche zu erzählen: ein Fuhrmann wird nachts geweckt und kommt nach vielen Umwegen in das Haus eines Kranken, auf dem Heimweg bemerkt er, daß er die Peitsche vergessen hat, er kehrt um in der Vermutung, daß sie in jenem Haus geblieben sei, und als er dort ankommt, siehe, da steht die Peitsche. Er erzählte das ernst und bescheiden; nicht etwa, wie ein Schauspieler erzählt. Dann auf dem Wege ins Kaffeehaus sprach er, wenn auch zurückhaltend, über seine Zukunft; er hoffte, in Wien stärker in den Vordergrund zu treten. Ich sagte ihm, daß er bei uns ja auch nicht unterschätzt werde. Er meinte, der Fall sei am letzten Ende eine Geldfrage, und Wien bringe die Pensionsberechtigung; es schien, als ob er sonst lieber in Berlin geblieben wäre. Er verbarg dann seine Freude nicht, als wir auf seine Kunst kamen. Nachher rieten wir noch den Schlummerpunsch aus, und er war unter den Gewinnern. Zwischen fünf und sechs trennte sich der kleine Schwarm; er hatte sich kurz vorher ziemlich lautlos entfernt.

Gerade eine Woche darauf zersprengte er sich durch einen Wasserschuß aus dem Jagdgewehr den Schädel; sein Leichnam fiel in den kleinen Königssee. Er war ein stiller, ernst-humoristischer und sehr unglücklicher Mensch.

Die Woche war eine Totenwoche. Ein seltener Gelehrter, der alte Steinthal, ging zu seinen Vätern ein. Er ist als ein Weiser gestorben, wie er als ein Weiser gelebt hat. Der kleine Mann mit dem eisgrauen Bart und der Brille vor den weltunkundigen Augen, vor den etwas starren Idealistenaugen, war eine unzeitgemäße Gestalt. Was er in der Völkerpsychologie geleistet, kann ich nicht prüfen; man weiß, daß es eine Weltbedeutung haben soll. Und man weiß, daß er bis an sein seliges Ende nur außerordentlicher Professor gewesen ist. Er trug den in der Mark Brandenburg verhältnismäßig ungebräuchlichen Vornamen Chajim. Möglich, daß die Regierung vor diesen herben Kehllauten zurückschauderte.

Der nächste Sterbefall hat mit der großen Welt nichts zu schaffen. Er trug sich in der stillen Wohnung eines Hauses zwischen dem Westen und Schöneberg zu; und er betrifft eine Unbekannte, die in diesen Zeilen zum ersten Male öffentlich erwähnt wird und zum letzten Male. Das Fräulein, welcher diese Briefe diktiert zu werden pflegten, ist gestorben. Es geht manchmal rasch. Die Schwestern erzählten mir, daß sie in den Fieberdelirien des verlöschenden Daseins noch vom Diktieren und von der Absendung dieser armseligen, für den Tag geschriebenen Feuilletons phantasierte. Sie war nicht mehr jung, ganz Nerven - und fast körperlos.

Neben den öden Referendararbeiten und den historischen Abhandlungen erschienen ihr diese Briefe, bei deren Niederschrift sie aus ihrer Abgeschiedenheit einen fernen Blick in das Leben tun konnte, wie eine Erholung. Sie schrieb sie sehr gern, und ihre menschlich liebenswürdigen Seiten, die über bloße Pflichterfüllung hinausgingen, konnte der Verfasser in manchen wechselnden Stimmungen erfahren. Zuweilen, wenn etwas freiheitlich und gütig klang, drückte sie in einem zurückhaltenden, leisen Wort ihr Einverständnis aus. Und als die Inschrift vom Friedhofs-tor der Freireligiösen zitiert wurde »macht hier das Leben gut und schön, kein Jenseits gibts, kein Wiedersehen« , da sprach sie wie selbstvergessen mit leuchtenden Augen von der Schönheit dieser Worte. Sonst ging sie nie aus sich heraus. Als sie im Sarge lag, ließen die Schwestern sie photographieren. Mein Kranz trug Maiglöckchen und weiße Rosen.

Es war eine Totenwoche. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe. Freunde, nehmet das Blut des Lammes und bestreichet die Pfosten an der Tür und die oberste Schwelle: auf daß der Sterbeengel vorbeigehe an unserem Hause.
Falko Hennig

Quelle:1999 Aufbau Verlag Berlin, Alfred Kerr: "Wo liegt Berlin,-Briefe aus der Reichshauptstadt" Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

© scheinschlag 2000
Inhalt dieser Ausgabe | Home | Aktuelle Ausgabe | Archiv | Sitemap | E-Mail

  Ausgabe 02 - 1999