Ausgabe 17 - 1998berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Jung, britisch, amoralisch

Vorschau auf das Theaterprogramm der Berliner Festwochen

Jung, jung, alles jung. Das Zauberwort im Kulturbetrieb. Das Allheilmittel, junge Leute in die Institutionen zu bekommen. Die Berliner Festwochen haben ebenfalls die Zeichen der Zeit erkannt und zeigen in ihrer Theatersparte "The Next Generation - Junges Theater aus Großbritannien, Irland, und den USA". Dazu gibt es ein ganz jung gestaltetes Programmheft in schickem 80er-Jahre-Grau mit 90er-Quietschgrün und Punk-Cover-Schreibmaschinenschrift außendrum. Faszinierend. Im Vortext stellen sich die Veranstalter selbst die Frage, was Junges Theater nun sei und lassen Schauspieler und Regisseure darüber sinnieren. Fazit: So genau weiß keiner, was das eigentlich ist. Ist Das Etikett "jung" nur dorthin zu kleben, wo auch Jung drin ist, heißt : Die Beteiligten dürfen nur soundso alt sein. Wie lange ist ein Mensch jung? Schaut man sich die Geburtsdaten der Autoren und Regisseure an, ist zu bemerken, daß diese meistens irgendwo zwischen fünfundzwanzig und vierzig sind. Das läßt wohl einige hoffen, doch noch dazugehören zu können.

Im Mittelpunkt des Programms steht eindeutig das britische Gegenwartstheater. Die meisten zeitgenössischen Stücke, die momentan aufgeführt werden, kommen von der Insel. Auch die vielgepriesene Baracke hat von diesen vermeintlich skandalträchtigen Stük-ken profitiert. Diese ist naturgemäß auch einer der Veranstaltungsorte, und die zum Programm passenden Stücke werden eben dort zu sehen sein ("Shoppen & Ficken", "Fette Männer im Rock" und "Ich leckte das Deodorant einer Nutte"). Außerdem wird es dort eine Premiere geben, "Zerbombt" von Sarah Kane. In Großbritannien hat das Stück einen Streit über seine Amoralität oder ihr Gegenteil ausgelöst. Dazu die Autorin: "Zerbombt handelt insofern von der Realität, als daß jeder Mensch gewalttätig ist, und sei es ‚nur´ auf der emotionalen Ebene." Dem Zuschauer wird kein fester moralischer Rahmen gegeben . Es gibt nur den Stoff, ohne Kommentar dazu. Das Urteil bleibt jedem selbst überlasen. Vielleicht ist das das junge, neue Theater, keine moralische Anstalt mehr? Darüber sollen sich andere schicke Feuilletonmenschen die Köpfe zerbrechen. An den Wochenenden wird in szenischen Lesungen neue Dramatik aus den USA und Großbritannien in der Baracke vorgestellt.

Von den Lokalmatadoren - Maxim-Gorki-, Renaissance- und Hebbel-Theater - einmal abgesehen sind einige interessante Aufführungen zu erwarten: Die New Yorker Gruppe Elevator Repair Service verknüpft Kino-Trash, Slapstick und Tanz. Teile der Performance finden im Off statt und sind für den Zuschauer nur akustisch wahrzunehmen. Kurzweil könnte garantiert sein. Die nächste Generation in Gestalt von gleich vier Autoren und Autorinnen hat in kollektiver Arbeit das Stück "Sleeping Around" entwickelt. Angelehnt an Schnitzlers "Reigen" ist das Ganze als eine erotische Rundreise durch die Britischen Inseln angekündigt, ein Gastspiel der Kompanien Paines Plough (London) und Salisbury Playhouse. Und das Gastspiel der Trisha Brown Companie aus New York verspricht ebenfalls interessant zu werden. Eine Welturaufführung wird es mit "Canto Pianto" geben und noch drei andere Stücke. Tanztheater der besonderen Art. Und noch eine Welturaufführung ist geplant: "Handbag or The Importance of Being Someone" von Mark Ravenhill, aufgeführt von der Actors Touring Companie aus London. Es geht um ęs Kinderkriegen in Zeiten sich wandelnder Sexualität und biologischer Experimente. Und es wird fiesen, schwarzen Humor geben. Interessant der Hinweis, Minderjährige nicht der Aufführung auszusetzen.

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The "Next Generation"Junges Theater aus Großbritannien, Irland und den USA, noch bis zum 28. September, Termine und Aufführungsorte bitte den einschlägigen Publikationen entnehmen.

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