Ausgabe 15/16 - 1998berliner stadtzeitung
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Küßchen, Küßchen

Vier Tage bei Kiss FM Power Music Radio

Es ist so ähnlich wie eine verfrühte Midlife Crisis: Man blickt auf sein bisheriges Studium und schaut dann in seine berufliche Zukunft, welche bestenfalls gewöhnlich sein wird. Da macht man sich so seine Gedanken - wäre Radiomoderator nicht ein geiler Beruf? Na klar, mit Leuten quatschen, während Tausende zuhören und deine Stimme anbeten.

Aber das ist wie immer leichter gedacht als umgesetzt - wie schaffe ich es als Normalsterblicher bloß an die Mikros, die die Welt bedeuten? Ich muß eben den harten Weg des Praktikanten von ganz unten an gehen.

So bewerbe ich mich bei diversen Sendern. Ob ich praktische journalistische Vorkenntnisse, am besten auch gleich beim Radio, vorweisen kann? Natürlich nicht, die will ich doch sammeln!

War da nicht der Typ, den ich vor zwei Jahren kurz kennenlernte, und der bei Kiss auflegt? Donnerwetter, der weiß sogar noch, wer ich bin.

Siehe da, mit etwas Beziehung schaffe ich es schon mal bis zum Bewerbungsgespräch. Auch wenn man kein Kiss-Fan ist, wird man doch in allen möglichen öffentlichen Räumen oder Wartezimmern mit dessen "Power Music" konfrontiert. So bin ich gespannt, wie wohl die Leute hinter den Kulissen dieses krampfhaft hippen, überdrehten Programms so sind. Die Antwort ist erschreckend trivial: Nämlich genau so krampfhaft hip und überdreht.

Entsprechend überrumpelt bin ich dann auch beim Bewerbungsgespräch, das eher einer dieser hektischen Talkshows á la Arabella Kiesbauer ähnelt. Aber ich kriege das redaktionelle Praktikum. Und sollte es mit Moderation nicht klappen, kann ich ja vielleicht immer noch Journalist werden.

Geil, mindestens vierzig unbezahlte Wochenstunden - und das ein halbes Jahr lang! Na ja, als Student kann ich mir das gerade noch leisten.

Ansonsten kann ich ja schließlich auch die Wochenenden über arbeiten gehen, um mein Kiss FM-Praktikum zu finanzieren.

Am ersten Tag werde ich erstmal mit einer der Praktikantenaufgaben vertraut: Verkehrsmeldungen für die stündlichen Verkehrsberichte zusammenstellen. Für den Rundfunkneuling schon eine spannende Sache: Werden die von irgendwo zugefaxt oder gibt es von der Verkehrswacht eine Website, die man aufruft? Wieder ist die Antwort sehr banal: Ich schalte 104.6 RTL ein, lauere, mit einer (schlechten) Illustrierten auf den Knien auf das Signal für die Autoradios, um dann die Berichte des Feindsenders mitzuschneiden und anschließend zu Papier zu bringen. Ärgerlich nur, daß der amerikanische RTL-Moderator am Nachmittag kaum zu verstehen ist - bald kann ich jede Verkehrsmeldung des Tages auswendig.

In Kürze ist die tägliche Redaktionssitzung, da soll jeder seine zwei Themenvorschläge einbringen. Kein Problem, her mit der Tageszeitung. In kürzester Zeit habe ich zig interessante Themen zusammen: Nazipropaganda in Marzahner Abitur, Berliner Schüler werden in Brandenburg verprügelt, kleiner Independent-Filmverleih, der Filmfest in Potsdam organisiert - das macht bestimmt Eindruck!

Nein: Zu politisch und brisant die ersten Themen, und Potsdam ist nicht Berlin, somit für die Berliner uninteressant. Jedenfalls für die, die Kiss FM Power Music Radio hören. Hip, unbeschwert und vor allem leicht verständlich müssen die Beiträge sein. Auf die Gefahr hin, arrogant zu wirken, kann es einem als Branchenneuling schon schwer fallen, das Kiss-Hörerniveau zu treffen, sprich: Jeden halbwegs subtilen Wortwitz durch die Brechstange zu ersetzen. "Versuch´, dich in die Hörer hineinzuversetzen", wird mir bei wiederholt geplanter Hörerüberforderung als Rat mitgegeben. Wenn das mal so einfach wäre! Wozu sonst gibt es Fachleute, die für den Umgang mit scheinbar Schwachsinnigen ausgebildet worden sind?

Der erste Außeneinsatz: Der Besitzer eines Hundeimbisses soll Rede und Antwort stehen. Damit das überęs Radio gut kommt, soll als O-Ton noch ein Hund auf die Frage, ob es denn geschmeckt hätte, inęs Mikro kläffen. Der Besitzer entpuppt sich als angenehmer Interviewpartner, bloß Kunden kommen im Moment keine. Muß es eben ohne Gebell gehen. Als ich stolz in die Redaktion zurückkehre, werde ich zur Rede gestellt: Ob die O-Töne geklappt hätten? Sorry, kein Hund da gewesen. Warum ich das nicht gefaket hätte? Obschon ich nur der Neuling bin, kann ich mich einer gewissen Entrüstung nicht entziehen: Gezinkte Berichterstattung? Bei Verkehrsberichten mag das ja noch angehen, aber bei richtigen Beiträgen? Ich bleibe allein mit meinem vergewaltigten Idealismus.

So bin ich zu einer frühen Bestandsaufnahme gezwungen: Journalismus, wie ich ihn mir erträumt habe, wird hier nicht vermittelt. Und wie groß sind schon die Chancen, Moderator zu werden? Ich gewinne der Eindruck, daß sich der Aufwand nicht lohnt.

So ist für mich nach vier Tagen Schluß.

Andreas Hartmann II

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