Ausgabe 14 - 1998berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Special: Rosenthaler Straße

Mit leichtem Linksdrall zieht sich die Rosenthaler Straße vom Hackeschen Markt zum Rosenthaler Tor. Altenheim und Club, VIP-Appartement und Platte, Friedhof und Kultur. Unsere Specialmischung.

Doch, ich mag sie

Ständig mußte ich hier lang. Ständig passierte in dieser Straße was, immer Leute. Am schönsten war sie, als sie gesperrt war und man sie nachts bisweilen für sich allein hatte. Das hätte immer so bleiben können. Da waren sich wohl alle einig.

Die Zeiten ändern sich leider manchmal. Im Vorbeigehen habe ich schon viel gesehen, vor allem so gegen nachts um zwölf. Ich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, die anderen wild auf Vergnügen und Zerstreuung . Das CC als alter Zahn im totsanierten Gebiß des Hackeschen Marktes. Gegenüber das neue Altersheim. Kein schöner Anblick mit der Freifläche und der verblichenen Werbung auf der Brandmauer im Hinterkopf. Was für Rentner sollen da wohnen?

Sämtliche Attraktionen für auswärtige Berlinbesucher nimmt mir die Bauwut weg. Was außer langweiligen Baustellen soll man den Leuten noch zeigen? Einmal durch die Hackeschen Höfe sich schlängeln und dann woanders hingehen. Wenn es dunkel ist, trifft man hier albern angezogene Gestalten in Horden. Vor dem "Doughnuts" Massen von Leuten vor einem Jahr noch. Heute gähnende Leere. Vor dem Eimer die Leute werden auch immmer jünger. Irgendwann gab es in der Nähe dann noch eine Wochentagsbar. Einmal bin ich mit so einer Gestalt beinahe zusammengestoßen, weil sie sich tourimäßig nicht von der Stelle bewegte. Irgendwie kam der mir bekannt vor. Als der dann schon einen Weile vorbei war, fiel es mir dann ein, daß das der doofe Fistelstimmen-deutsche-Komödien-Til war. Anstatt mich zu freuen, in einer Oderauchweltstadt zu leben, wo man solche tollen Leute umrennen kann, fluchte ich ziemlich provinziell in mich hinein: "Sollen die Idioten doch in ihrem Köln oder München bleiben und uns in Ruhe lassen."

Nach dem Rosenthaler Platz weiß ich, daß ich es fast geschafft habe. Aber das ist ja auch schon die Brunnen. Die ist relativ uncool. Da gibt es keine tollen Clubs. Es ist aber trotzdem schön, immer sagen zu können, ich habęs nicht weit nach Hause. Während der Rest der sich Amüsierenden Richtung Nachtbus streben muß. Doch, ich mag sie schon...

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Kreatives ohne Kinder

Der "Rosenthaler Hof" befindet sich Rosenthaler Ecke Gipsstraße. Die Firma Eurocon bietet auf einer großen Tafel "exklusive V.I.P. Appartements" an. Ein Informationsgespräch:

Guten Tag, mein Name ist Strehler. Ich komme aus Stuttgart und habe im Vorbeifahren ihre Tafel gesehen. Ich interessiere mich für eine Wohnung und Büroräume.

Wie groß sollen die Räume denn sein?

Ja, so 100 Quadratmeter dachte ich mir. Also, sowohl die Wohnung als auch die Büroräume.

Da sieht es mit der Wohnung schlecht aus. Unsere Dreizimmerwohnungen mit jeweils 105 Quadratmeter sind schon weg. Wir haben aber noch Zweizimmerappartements, die über zwei Etagen gehen, mit 126 Quadratmeter, zwei Bäder, zwei Küchen.

Das hört sich doch gut an. Was kostet denn der Quadratmeter?

18,50 DM. Da kommen dann noch Nebenkosten in Höhe von 4,50 DM hinzu. Das ist dann schon warm, alles mit drin.

Und wie sieht es mit den Büroräumen aus. Sind die im selben Haus?

Nein, die sind in dem alten Gebäude davor, wo früher das Bankhaus Löbbecke drin war.

Das sieht aber ziemlich gammlig aus.

Das wird noch renoviert werden. Das hängt davon ab, wann der leere Platz, der sich davor befindet, bebaut werden kann. Da ist ein Investor abgesprungen, und deshalb ist im Moment alles unklar. Das wird dann zusammen gemacht, aber wir wissen nicht, wann das sein wird.

Warum ist der Investor denn abgesprungen?

Das weiß ich nicht. Wir hoffen, daß sich die Geldgeber bald einigen. Fest steht nur, daß da ein Hotel reinkommt und Gewerberäume. Wir wissen aber gar nicht, ob das so gebaut wird, wie es bislang geplant ist.

Jetzt ist es ja ganz schön, weil es so hell ist, solange das andere Haus nicht gebaut ist.

Ja, sie können davon ausgehen, daß die unteren Wohnungen später sehr dunkel sein werden. Aber in den oberen Etagen wird noch Licht reinkommen.

Bekannte haben mir erzählt, daß das eine attraktive Gegend für mich sein soll. Ich suche ein kreatives Umfeld für meine Projekte.

Da sind sie genau richtig. Da ist das Leben. Die Hackeschen Höfe sind gleich nebenan, da gibt es viele Cafés und Restaurants.

Und das ist keine Krawallgegend?

Nein, nur vielleicht einmal im Jahr, am 1. Mai, aber das ist dann am Kollwitzplatz, und der ist ein bißchen weiter weg.

Was wohnen denn da noch für Leute im Haus?

Also, das sind alles Geschäftsleute, die tagsüber arbeiten und nur abends zuhause sind. Viele kommen aus Westdeutschland und sind am Wochenende gar nicht da. Es gibt überhaupt keine Kinder im Haus, und es ist deshalb sehr ruhig.

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Berliner Pannkuchen

Es war einmal. So fangen hier viele Geschichten an und wenn man das Gefühl überwunden hat, etwas verpaßt zu haben, ist das ja auch irgendwie schön. Veränderung als lebendige Konstante als Binsenweisheit.

Es war einmal an der Rosenthaler/Ecke August und es war super-hip und mega-angesagt: Das Delicious Doughnuts, ein Acid-Jazz-Club von internationalem Ruf - jeden Abend rappelvoll, schick-beyond-Szene, Promi-Hangout: Blur waren da, die Propellerheads, Danny DeVito, die Cardigans. Kaum vorstellbar, daß das erst drei Jahre her sein soll.

Als ich vor eineinhalb Jahren zum ersten Mal da war, war davon jedenfalls nichts mehr zu spüren. Was nicht heißen soll, daß ich das Doughnuts nicht geschätzt habe. Jetzt war es hier richtig gemütlich, manchmal hatte man die Tanzfläche für sich allein. Nicht cool sein oder gut aussehen war angesagt - mein Glück - sondern abhängen, gute Musik hören, tanzen. Alles entspannt, gemäßigt, freundlich. Auch die Eintrittspreise. Nicht einmal einen richtigen Gehörschaden konnte man sich hier holen. Und die Musik bestach neben der ohrenfreundlichen Lautstärke auch durch ihre große Bandbreite und manchmal fantastische, doch immer überdurchschnittliche Qualität - auf zwei hörenswerten Compilations der Doughnuts-DJs, darunter die renommierte Jazzanova-Crew, nachzuhören: Minimal-House, Tribal, downtempo drum&bass, Jazzbeats etc. - der Doughnuts-Sound eben. Für echte Afficionados vermutlich unentbehrlich, denn der Laden erlebte im Juni die letzten seiner gut 1700 Tage. Nach und nach waren die Leute ausgeblieben, der Elan der Betreiber ließ nach, im März diesen Jahres lag das neue Konzept auf dem Tisch, im Juni feierte man dann nochmal mit allen DJs das Ende.

Jetzt also Cocktailbar, "exclusive Cocktailbar", wie Ex-Doughnuts- und Cocktailbar-Betreiber-in-spe Frank sagt. Und: "Eigentlich ist das alles noch nicht spruchreif", Vertragsunterzeichnungen stehen noch bevor, aber man hofft noch Ende dieses Jahres zu eröffnen.

"Cocktailbar" und "exclusiv" - da schrillen natürlich alle Gentrifizierungsalarmglocken, aber Frank betont, daß der neue Laden nach "gastronomischer Aufwertung" zwar eher "hochpreisig" ausfallen soll, aber man niemanden ausschließen und auf keinen Fall einen "Yuppie-Laden" wolle. Ob man das durch die Beibehaltung der Doughnuts-typischen liberalen Türpolitik erreichen kann, bleibt abzuwarten. Auch das "Ostige", womit wohl das Nachwende-Element von Improvisation und brüchigen Oberflächen gemeint ist, möchte man gerne erhalten. Dazu noch ein Kulturprogramm mit Kleinkunst und so.

Könnte so richtig hip werden. In fünf Jahren wissen wir mehr.

Thomas Gläßer

Kaffeekränzchen im Kiez

Die 60plus-Generation am Hackeschen Markt

Die Rosenthaler Straße zeigt langsam ihr neues Gesicht. Während die Neuen Hackeschen Höfe noch umrüstet sind, ist der Verbindungsbau zum Eckhaus Rosenthaler/Neue Schönhauser bereits zum Vorschein gekommen. Die langweilige und glatte Fassade erinnert manch einen an Bielefelder Vorstädte, und das Grauen vor einer Normalisierung der pittoresken Ecke steht ins Gesicht derjenigen geschrieben, die mit dem Finger auf Rossmann und Plus zeigen, die Gewerbemieter in Parterre. Der westdeutsche Einheitslädenbrei hält Einzug, was aber auch Vorteile hat, wenn man beispielsweise Lebensmittel oder Rasierwasser braucht. Die neuen Mieter der darüberliegenden Räume werden wohl nicht so oft zum Einkaufen kommen, da sie im Pflegeheim der Unternehmensgruppe pro Seniore voll versorgt werden. 224 Plätze für Pflegebedürftige der Pflegestufen I bis III stehen zur Verfügung. In einem Rundgang erklärt die einzige Sozialarbeiterin, Frau Körner, das Konzept. Das Pflegeheim will kein abgeschottetes Dasein führen, sondern sich mit kulturellen und nachbarschaftlichen Veranstaltungen zum Bezirk hin öffnen. Dafür steht nur ein großer Eßsaal zur Verfügung. Zu wenig Platz eigentlich für große Aktivitäten. Die Ein- und Zweibettzimmer sind zwischen 15 und 19 Quadratmeter groß, standardmäßig mit einem Bett, einem Tisch, zwei Stühlen, Nachttisch, Einbauschrank, Kühlschrank, Topfpflanze und Monet-Drucken ausgestattet. In der Konzeption heißt es: "Neben der Pflege ist das Wohnen ein wichtiger Aspekt. Durch die Ermutigung des Bewohners zur individuellen Gestaltung seines Zimmers soll eine häusliche Umgebung entstehen." In den noch unbewohnten und nach Farbe riechenden Zimmern kann man sich das im Moment schwer vorstellen. Verläßt man die Zimmer, steht man auf einem langen, engen und von Tageslicht befreiten Gang. Frau Körner versucht die Vorteile darzustellen. Weil im Gebäude so wenig gemeinschaftlich nutzbarer Platz ist, will man die Terrasse vergrößern, die in Richtung der Neuen Hackeschen Höfe offen ist. Ob das, auch nach Beendigung der Baumaßnahmen, ein guter Ort für Seniorenkaffeekränzchen ist, ist zweifelhaft. Der kleine "Park" (zwei Bänke, wenige Meter Weg) hinter dem Gebäude soll durch Vogelkästen belebt werden. Die Möglichkeit, unten im Gebäude ein Café für Ältere (und Jüngere) als Treffpunkt einzurichten und dadurch den nutzbaren "Park"-Bereich zu erweitern, ist vergeben. Eine Pizzeria wird dort einziehen. Für Pflegebedürftige, die im Wachkoma liegen, ist das eher egal. Wer aber noch selbständig auf den Beinen ist, der findet rundum eine äußerst enge und funktionale Umgebung vor, die gute Voraussetzungen bietet, um wohnliche Atmosphäre abzutöten. Warum die Architekten der Investorengemeinschaft, von der pro seniore das Gebäude gepachtet hat, so wenig lichten Freiraum gelassen hat, ist auch Frau Körner unklar. "Vermutlich aus Kostengründen", spekuliert sie. Vermutlich ja. Voraussetzung für die Aufnahme ins Pflegeheim ist die Anerkennung der Pflegebedürftigkeit nach Maßstäben der Pflegeversicherung. Je nach Pflegestufe und Kassenanteil beträgt der zu zahlende Eigenanteil zwischen 1700 und 3200 DM im Monat. Sozialhilfe kann auch beantragt werden. 50 Pflegekräfte werden sich um die "Klienten" kümmern, wenn das Haus voll belegt ist. Trotz der etwas beengten Umstände ist die Stimmung im Team gut, sagt Frau Körner, "wir wollen hier Leben einhauchen", und man glaubt ihr das. Die Lage inmitten der Stadt schafft eine besondere Atmosphäre. Von den Zimmern zur Rosenthaler Straße kann man Tag und Nacht das Straßenleben beobachten. Für manche, die sich nicht mehr so gut bewegen können, ist das die einzige Möglichkeit, neben Fernsehen, etwas vom Leben der anderen mitzubekommen. In den oberen Etagen können Senioren kleine Appartements mieten, die sie selbständig bewohnen und dann auf Wunsch die medizinischen und therapeutischen Betreuungsdienste des Pflegeheimes mitnutzen. Die 30 bis 50 Quadratmeter großen Appartements kosten 23 DM pro Quadratmeter. In Notsituationen ist das Personal des Pflegeheims schnell zur Stelle. Drei bis vier Interessenten, meist die Angehörigen, kommen jeden Tag vorbei. Viele sind aus dem Kiez. Für sie ist es wichtig, daß sie keine langen Besuchswege haben.

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