Ausgabe 09 - 1998berliner stadtzeitung
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Zeit kann weh tun

Das Theaterprojekt AufBruch: Kunst und Alltag in der JVA Tegel

Was braucht man, um Theater zu machen? Bühne, Schauspieler, Zuschauer? Wohl auch, aber vor allem einen Personalausweis und ein 5-Mark-Stück. Das Theater findet hinter verschlossenen Türen statt, in einem Gefängnis; offiziell "Justizvollzugsanstalt". Mit dem Geldstück muß man in einem Schließfach persönliche Wertgegenstände hinterlassen, die nicht "eingebracht" werden dürfen, und seinen Identitätsnachweis hat man an der Pforte abzugeben. Außerdem benötigt man eine Portion Geduld, denn in der Schleuse wird man erst einmal gründlich durchsucht. Dann ist man drin, im Knast. Ein Beamter führt einen vorbei an der Anstaltsküche, der Kirche und an Mauern, die zum Teil schon hundert Jahre alt sind. Hundert Jahre Zuchthaus Tegel 1998: Ein Grund zum Feiern? Egal, jetzt, nach der kleinen Gärtnerei mit der Anstaltskatze, erreicht man "die Fünf", die "Teilanstalt 5", ein Neubau, und dort findet das Theater statt.

Die Geschichte des Tegeler Theaters begann 1997. Das Projekt "AufBruch" wurde u.a. von Roland Brus, Regisseur des Obdachlosentheaters "Ratten 07", in Zusammenarbeit mit dem Verein "Kunst und Knast e.V." ins Leben gerufen. AufBruch sieht sich als Versuch, gegen Erstarrung im (Knast-) Vollzugs-alltag konkrete und kreative Arbeit zu leisten. Eine Mischung aus professionellen Theaterleuten und interessierten Inhaftierten arbeitet gemeinsam an der Realisierung von Projekten. Doch nicht nur Theater soll entstehen: An eine Ausweitung, Grenzüberschreitung mit anderen künstlerischen Medien ist gedacht. Auch eine Expansion vom Rand in das Zentrum der Gesellschaft ist Teil der Arbeit. AufBruch möchte den Dialog zwischen Innen und Außen, zwischen Knast und Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven immer wieder anstacheln.

Seit vor über einem Jahr das Projekt AufBruch seine Arbeit in Tegel begonnen hat, ist die Theaterprobe Montag und Freitag Nachmittag in Haus 5 schon fast zur Routine geworden.

Glücklicherweise nur fast, denn Routine gibt es in einem Gefängnis schon mehr als genug. So ist auch heute die Begrüßung nicht wie sonst: Der Pavillon, der Mehrzweckraum, ist schon mit einer Handvoll Leuten gefüllt, alles Männer. Tische sind zusammengerückt, Kaffee und selbstgebackener Kuchen stehen bereit. Ach ja, Arnie* hat Geburtstag. Also wird vor der Probe geredet und gefeiert, diesmal mit gutem Grund. Nicht zu lange: Die Zeit, die für eine Probe zur Verfügung steht, ist knapp bemessen. Zweieinhalb Stunden sind nicht viel, wenn man ein Stück Fiktion mit Theatermitteln zum Leben erwecken will.

Momente, die die Isolation brechen

Überhaupt, die Zeit. Was bedeutet Zeit in einer geschlossenen Anstalt? Läuft sie hier anders als die Zeit draußen, in der Freiheit?

"Du willst wissen, was Zeit ist? Zeit ist Langeweile, Monotonie, bittere Einsamkeit." Lorenz

"Zeit tut mir weh." Markus

Zeit ist ein leerer Raum, der mit Momenten gefüllt wird. Manche Momente sind klein und zerbrechlich, manche nehmen fast den ganzen Raum ein. In dem Raum, den die Realität des Eingesperrtseins Tag für Tag mit ihren bleiernen Momenten anfüllt, versucht die Theatergruppe, eigene, andere Momente zu behaupten. Momente, die Erstarrungen erschüttern können, die Isolation brechen, Einsamkeit mildern und eigene Fähigkeiten stützen. Oder die einfach nur darin bestehen, zusammen zu lachen. Sie sind oft sehr kurz. Überwinden können sie den Zustand der Freiheitsbeschneidung nicht, trotzdem sind sie wichtig. Wichtig, um den Gefangenen zu zeigen, daß sie nicht bloß weggesperrte Täter sind, denen die Gesellschaft als Strafe oder aus Angst die Verantwortung und Kontrolle über ihr Leben und ihre Zeit entzogen hat.

"Gitterzeit ist ein Teil des Lebens, das fließt." Franz

Die Probe beginnt mit dem Aufwärmtraining. Mit Wahrnehmungsübungen wird die Konzentrationsfähigkeit gefordert, durch Partnerübungen die Angst vor Berührungen und Nähe abgebaut. Bei energieintensiven Spielen kann die über den Tag aufgestaute Aggression umgewandelt und Ruhe für die Probe gewonnen werden. Und Konzentration ist entscheidend, schließlich steht die Endprobenphase für das dritte Projekt vor der Tür: Am 15. Mai ist Premiere des Stückes "Einer flog überęs Kuckucksnest." Das Stück dürfte durch die Verfilmung mit Jack Nicholson reichlich bekannt sein, aber warum sollte man es im Knast spielen? Ist das nicht zu nah an der Realität? Das Thema sicherlich: Wie lebt man in einer geschlossenen Anstalt? Wie gehen Menschen mit einem Mechanismus um, der Entmündigung und Demütigung zur Folge hat? Was, wenn da jemand kommt, der nicht einfach klein beigibt, und sich seine Zeit selbst bestimmen will? Diese Fragen sind in Tegel täglich aktuell. Aber da ist das Medium Theater.

Persönliche Schutzpanzer zerfließen und es entstehen Momente der Leichtigkeit

"Theater ist ein Durchbrechen des Alltags" Manfred

Genau das kann Theater im Knast schaffen. Es ist eine Form, die es ermöglicht, die starren Normen und Hierarchien eines Gefängnisses abzumildern, sie ins Absurde oder Lächerliche zu führen. Die Schutzschicht, die das Theaterspielen von der Knastrealität trennt, ist sehr dünn. Aber schließlich kommen die Leute von AufBruch ja von außen. Das klingt nach gefährlicher Distanz, hat aber auch Vorteile. So sind die Theaterleute weder Bestandteil des internen Machtgefüges, noch sind sie in den offiziellen Verwahrungsmechanismus eingegliedert. Diese Zwischenstellung ermöglicht gerade eine im Gefängnisalltag sonst seltene Offenheit. Persönliche Schutzpanzer zerfließen plötzlich während einer Improvisation, es entstehen Augenblicke der Leichtigkeit.

Manchmal ist das Theater einfach nur eine Abwechslung: Für 1.600 Gefangene gibt es in Tegel 500 Arbeitsplätze (bei einem Verdienst von 10 DM pro Tag); da ist jede Möglichkeit willkommen, einmal mit anderen Menschen zu reden, neue Gesichter zu sehen. Manchmal aber auch mehr.

"Theater ist ein Ventil, nicht meine Wut rauszulassen. Es ist eine Therapie: man lernt, anders mit Situationen umzugehen. Meine Rolle ist ein Spiegelbild, das mir hilft, mit der Gewalt klarzukommen." Udo

Masken aufsetzen, Rollen spielen ist nichts Neues für Menschen im Gefängnis: Ihr Alltag ist geprägt von Auseinandersetzungen, in denen eigene Gefühle besser verborgen werden. Die Möglichkeit jedoch, Rollen zu spielen, die nicht zum Schutz oder zur Festigung einer Hierarchie dienen, ist das Besondere: Die Freude an der Verkleidung, am bloßen Spiel.

"Theater ist Freiheit. Im Theaterstück kann ich meine Meinung sagen, meine Gefühle ausdrücken, was ich sonst im Knast nicht kann." Udo

Das Stück und die eigene Art der Theaterarbeit lassen noch auf viele interessante Momente hoffen, sowohl für die Beteiligten als auch für die Zuschauer, die je zur Hälfte aus Mitgefangenen und Besuchern von draußen bestehen. Die vier Vorstellungen des "Kuckucksnestes" sind bereits ausverkauft. Das hat einerseits damit zu tun, daß das öffentliche Interesse nach den letzten beiden Stücken "Stein und Fleisch" (Juli ę97) und "Die Räuber" (Dezember ę97) sehr groß ist und die Größe des anstaltseigenen Kultursaals nur eine gewisse Anzahl Besucher zulässt. Hauptsächlich aber liegt es daran, daß die Theatergruppe - wie auch die Inhaftierten - darauf angewiesen ist, alles von der Anstaltsleitung genehmigt zu bekommen. Sechs Aufführungstermine waren geplant, nur vier wurden gewährt. Kostengründe, wie draußen auch, wenn es um Kultur geht. Schließlich müssen für die Sicherheit der Besucher zusätzlich Beamte abgeordnet und bezahlt werden. Ja, das Theaterprojekt ist offiziell auch erwünscht, sie wissen schon, Gewaltpotential abbauen, Konfliktbewältigung trainieren, Resozialisierung, usw., aber wenn es um die Umsetzung geht, ist AufBruch doch nur ein Störfaktor, der zusätzlich Arbeit verursacht und die Regeln durcheinanderbringt. Auch hier ist Theater wieder einmal abhängig von übergeordneten gesellschaftlichen Realitäten.

Dennoch, mit großem Elan und sehr wenig Geld wird in Tegel Theater gemacht. Nur zwei der 16 von außen Beteiligten erhalten überhaupt eine Art von Vergütung, der Rest arbeitet ohne Geld seit Anfang des Jahres; das Budget für Bühne, Kostüme, Texte, usw. ist extrem mager. AufBruch wird von einigen Berliner Theatern mit Sachmitteln unterstützt, Spenden jeglicher Art zur Fortsetzung der Arbeit sind jedoch erwünscht und nötig.

Eine gute Nachricht aber noch zum Schluß für alle, die das Kuckucksnest nicht erleben werden können: Das nächste Projekt von AufBruch mit dem Arbeitstitel "Tegel Alexanderplatz" - voraussichtlicher Termin September/ Oktober - ist eine Aktion, die das Jubiläum "100 Jahre Tegel"aufgreift und als Bezugspunkt Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" benutzt. Es wird wieder eine Inszenierung innen geben, und parallel dazu außen Performances und Installationen auf dem Alexanderplatz. Die Zeit bis dahin wird innen wie außen bestimmt weniger schmerzhaft vergehen. Das Theater in Tegel geht weiter.

Holger Zimmer

Die Zitate stammen von Teilnehmern der Theatergruppe; die Namen wurden geändert.

Bei Interesse bitte Spenden an: Kunst und Knast e.V.; Konto-Nr. 306 1300; Bank für Sozialwirtschaft Berlin; BLZ 100 205 00; Verwendungszweck: AufBruchKuckucksnest

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