Ausgabe 05 - 1998berliner stadtzeitung
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Verdrängung verdrängt

Das 16. Forum Hauptstadtkultur in der Akademie der Künste stand unter der Überschrift "Berlin - Hauptstadt der Verdrängung?"

Hätte der Moderator Wolfgang Kil nicht gleich zu Anfang klargestellt, daß es in dieser Runde nicht darauf ankomme, über Geld zu reden, die momentane Politik der Großen Koalition zu rechtfertigen oder zu kritisieren, wäre vielleicht gar nicht so sehr aufgefallen, wie die Protagonisten des Abends am Thema vorbeisegelten. "Hauptstadt der Verdrängung" hieß die zugegebenerweise breit angelegte Redegrundlage, auf der lediglich ein dem Thema entsprechender Konsens gefunden wurde: "ein von Künstlern entdeckter und eroberter Stadtteil hinterläßt beim Wegzug derselben ein sterilisiertes Stadtviertel", so der Kunstpublizist Michael Glasmeier. (Gemeint war wahrscheinlich "steril".) Dem konnte sich jeder auf dem Podium anschließen - doch außer dem taz-Autor Uwe Rada, der sich als "Anwalt der Stadt" sah, wollte niemand den Nachteil einer solchen Eroberung ansprechen, geschweige denn erkennen. Als Nomaden, die wandern, als Trüffelschweine auf der Suche nach billigen Stadtvierteln wurden die Künstler bezeichnet. Durchaus wohlwollend wurde dies von Thomas Krüger (MdB, SPD) gesehen. "Wer zu einer offenen Stadt stehen will, der muß auch zu Verdrängung stehen, das ist ja das eigentlich Spannende in der Stadt." Und Lutz von Pufendorf, Staatssekretär aus dem Hause Radunski, konstatierte, daß "die Abwanderungen aus der Stadt ins Umland und zurück ja auch zu Normalität verhelfen." Einer Normalität, die Berlin 40 Jahre lang gefehlt hätte. Darüberhinaus sei die schlechte finanzielle Lage im Kulturetat eine Chance auf Entwicklung im künstlerischen Bereich. "Wenn wir Spielräume schaffen wollen, muß der Maßstab höher gesetzt werden. Subventionsmentalität ist nicht mehr angesagt", so der Staatsekretär.

Um sich dem eigentlichen Thema wieder zu nähern, stellte Moderator Kil die Frage in den Raum, ob man Kunst überhaupt noch nach der Gesellschaft fragen könne, in der sie entstehe - Matthias Flügge, Kunstpublizist, führte hier das Negativbeispiel "37 Räume" in der Auguststraße an. "Ein Kunstprojekt, das außer der in Kunstkreisen vorhandenen Proletarisierungsästhetik keinen Bezug zu seiner unmittelbaren Umgebung hatte", so Flügge, der dabei auf die Soziostruktur des Kiezes um die Auguststraße anspielte. Auch Uwe Rada fragte sich, ob die billigen Stadtviertel überhaupt noch der soziale Raum seien, in dem sich die Künstler bewegen und leben oder ob sie nur noch als Kulisse, als Bühne zur Darstellung der eigenen Kunst dienen. "Hier Eroberer fördern heißt auch, Verdrängung im sozialen Bereich fördern", so Rada. Er verwies dabei auf den Verlust der typischen Berliner Mischung und die Etablierung einer Kunst-Infrastruktur, die die vorher angesprochene Sterilität der Kieze bewirke. "Es entstehen aufgewertete Stadtviertel auf der einen, und problembehaftete Gebiete auf der anderen Seite" beschrieb Rada den Verdrängungseffekt der ‚Eroberung´. Auf diese Seite der Medaille wollte aber keiner der Anwesenden näher eingehen. Anwesende Künstler machten wenig Hehl daraus, daß sie über die (mögliche) eigene Misere hinaus mit dem Thema "Verdrängung in der Stadt" oder einem sozialen Kontext nichts am Hut hatten, und Pufendorf fand, daß die "Bewegung in der Stadt nicht verhindert werden darf." Eine einleuchtende Erklärung nicht nur zum Zuzug von Künstlern, sondern auch von auswärtigen Studenten lieferte Hannes Böhringer, Professor an der Braunschweiger Universität: "Die Studenten gehen nicht nach Berlin, weil sie dort bessere Ausbildungsmöglichkeiten erwarten, sondern weil dort Geist vermutet wird." Na dann.

meb

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  Ausgabe 05 - 1998