Ausgabe 03 - 1998berliner stadtzeitung
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Polarisierung der Innenstadt

Ein soziologisches Gutachten beschreibt die sozialräumlichen Veränderungen Berlins seit 1990

Die Frau vom Nachbarschaftsladen beschrieb ihre Wahrnehmung der Rosenthaler Vorstadt (Mitte) als ein abdriftendes Quartier: Während die Besserverdienenden, die gehen KÖNNEN, dies auch tun - wegen fehlendem Grün und schlechtem Wohnumfeld zum Beispiel -, MÜSSEN ärmere gehen - wegen Vermieterdruck oder Mieterhöhungen. Auch in dem vom Institut für Stadtforschung und Strukturentwicklung (IfS) erarbeiteten Gutachten "Soziale Stadtentwicklung" wird die Rosenthaler Vorstadt als eines von mehreren "Verdachtsgebieten" im Ostteil der Stadt benannt.

"Gebiete mit besonderen Problemlagen"

Die Studie, u.a. von dem Stadtsoziologen Hartmut Häußermann erarbeitet, entstand im Auftrag von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder und sollte Anhaltspunkte für dessen Planwerk Innenstadt geben. Datiert ist das Papier auf Oktober 1997. Es ist jedoch kein Wunder, daß es seitdem offenbar still und ungelesen in des Senators Schubfach verschwunden ist: Schließlich kommt es zu ganz anderen Ergebnissen als gewünscht.

Konstatiert wird eine starke Bevölkerungsfluktuation, verbunden mit einer sozialen Polarisierung. Die Innenstadt verliert flächendeckend Einwohner, vor allem Familien, "die über Arbeit und ein mittleres bis höheres Einkommen verfügen". Die Westberliner Altbaugebiete halten dabei mit 18% nicht nur den Berliner Fluktuationsrekord: Schon vor der Wende gab es hier einen hohen Anteil von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, Kreuzberg, Tiergarten und Wedding haben mit ca. 15% die höchsten Sozialhilfedichten. Fazit: In den Westberliner Altbauquartieren - Beusselkiez, Soldiner Straße oder SO 36 scheinen sich "Gebiete mit besonderen Problemlagen zu entwickeln", unabhängig vom baulichen Zustand. Problematisch sind laut Gutachten auch die Westberliner Viertel des Sozialen Wohnungsbaus. Die ursprünglich für "breite Schichten der Bevölkerung" angelegten Siedlungen seien in ihrer Struktur als "Randgruppen-Wohnungsbau" für die ärmsten und Bedürftigsten ungeeignet und verschärfe so nur die Probleme.

In den Ostberliner Altbauquartieren verzeichnet die Studie dicht nebeneinander stattfindende "Aufwertungs- und Verfallsprozesse", obwohl die Bevölkerung hier ursprünglich sozial gemischter war als in den Westgebieten. Während in einigen wenigen Arealen - Kollwitzplatz oder Spandauer Vorstadt - Galerien und exklusive Restaurants für eine Aufwertung stehen, zeichnen sich andere Gebiete als künftige Problemgebiete ab: Rosenthaler Vorstadt, Helmholtzplatz oder Boxhagener Platz. Damit, so die Studie, bestehe ein zweifacher Steuerungsbedarf: einmal ginge es um Wohnumfeld- und Infrastrukturverbesserung, zum anderen um den Schutz sozial und materiell schwacher Haushalte vor Verdrängung.

"Menschenfeindliche Schmuddelecken"

Doch kaum war das Gutachten im Gespräch, wurde es teilweise höchst eigenwillig interpretiert. So versucht ZEIT-Redakteur Klaus Hartung, einer der vehementesten Verteidiger des Planwerks (vermutlich auch deshalb, weil er gleichzeitig als Mitglied der Stadtforums-Lenkungsgruppe und als von Strieder angeheuerter Referent sein karges ZEIT-Gehalt mit dem Planwerk aufbessert), die Studie als Argument FÜR das Planwerk zu verkaufen: "Wie dringlich ein derartiges Projekt ist, zeigt sich gerade jetzt: Gegenwärtig belegen neue Studien des Senats, wie brisant die Lage in der Innenstadt geworden ist. ... Ganze Viertel drohen zu kippen und sich in Ghettos von Sozialhilfeempfängern, Alten und Ausländern zu verwandeln. Ohne eine Rekonstruktion der früheren urbanen Qualität des Zentrums wird ‚Wohnen in der Stadt´ gar nicht möglich sein." Interessante Passage. Es handelt sich also um eine bisher unbewohnte Stadt, der bei Nichtbefolgung des Planwerks Innenstadt ein ekliges Szenario droht: Sozialhilfeempfänger, Alte, Ausländer. In Ghettos. Leider hat offenbar nicht nur Strieder, sondern auch Hartung die Studie nicht gelesen, denn in wesentlichen Punkten widerlegt sie das Planwerk, das mit einer radikalen Verdichtung der Innenstadt dem Wegzug Besserverdienender entgegenwirken will:

Erstens sind die ausgewiesenen "problembehafteten Gebiete" nicht die Plattenbauquartiere in der Ostberliner Innenstadt, die das Planwerk so flehentlich vor Verödung retten will: Es sind vor allem die gern als Hort der Urbanität gepriesenen Gründerzeitquartiere.

Zweitens sind diese Gründerzeitquartiere infrastrukturell u.a. durch einen akuten Mangel an Grün- und Freiflächen gekennzeichnet. Aber gerade die im Zentrum vorhandenen Grün- und Freiflächen sieht das Planwerk als Bauland vor.

Drittens sind ausgerechnet die "Problem- und Wegzugsgebiete" allesamt hoch verdichtete Quartiere. Der Schlachtruf "Urbanität durch Verdichtung" verfehlt also das eigentliche Thema völlig.

Es geht um politische, ökonomische, soziale Probleme - weniger um bauliche. Wenn Quartieren Verarmung, das "Abkippen" droht, hat das etwas mit zunehmender Armut und Arbeitslosigkeit zu tun. Aber wenn von "Verslumung" die Rede ist, stellt sich die Frage, um wen es eigentlich geht: Um die Bewohner oder um einen unangenehmen Anblick, mit dem man gefälligst nicht konfrontiert werden möchte? Auch wenn Hartung Alte, Sozialhilfeempfänger und Ausländer nicht mag, sind sie trotzdem da und bilden einen beträchtlichen Teil der Realität der Stadt. Es wird also wenig helfen, immer weniger Besserverdienende auf immer mehr "Problemquartiere" verteilen zu wollen, auf daß "Ghettos" verhindert werden. Noch weniger Sinn macht es, ausgerechnet an den noch intakten Quartieren in der Innenstadt herumzudoktern und sie mit zusätzlichem Wohnraum für Besserverdienende zu verdichten.

Häußermann geht in seinen Strategien folgerichtig davon aus, die Bedingungen und infrastrukturellen Angebote für den "Bestand", die Bewohner zu verbessern. Besonderer stadtpolitischer Handlungsbedarf bestehe im Hinblick auf Kinder und Jugendliche. Städtebauförderung müsse weg von baulicher Dominanz und stärker mit Maßnahmen zur Arbeitsplatzschaffung und quartierbezogener Wirtschaftsförderung verbunden werden.

Zu ganz anderen Schlußfolgerungen kommt wiederum Volker Liepelt, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU: In "menschenfeindlichen Schmuddelecken" fühle sich der Normalbürger unwohl und ziehe weg, wogegen u.a. die verstärkte Überwachung gefährdeter Räume und höhere Polizeipräsenz helfen sollen.

Ulrike Steglich

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