Ausgabe 02 - 1998berliner stadtzeitung
scheinschlag

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Erst die Arbeit und dann...

R. hat melancholische Augen und meistens Sachen aus der Kleiderkammer an. Er wirkt nicht wie jemand, der bevorzugt eingestellt wird. Sein junges Gesicht hat manchmal einen sehr harten, aggressiven Zug, der so gar nicht zu den schmalen Händen eines Intellektuellen passen möchte. Sozialhilfe. Seit Jahren. Sozialhilfedauerkonsument. Mal aufgelockert durch zwei oder drei Tage Bau, Erde Schippen. Beworben hat er sich nicht mehr in der letzten Zeit. Er ist scheu. Er schreibt. Die Farbeimer, die ihm das Sozialamt beim Einzug bezahlt hatte, stehen noch in der heruntergekommen Wohnung herum. Er schläft lange, um die Tage zu vergessen. Termine vergißt er. Er ist sehr belesen. Der Mietskaserne, in der er wohnt, sieht man an, daß viele seiner Bewohner in ähnlicher Lage sind. Er ist gesetzlich verpflichtet, sich um eine Änderung seiner sogenannten Erwerbsituation zu kümmern. Im Sozialamt vergessen sie die seit Jahren angewiesene Kontrolle durch den Zettel mit den zwanzig Bewerbungen, die jeden Monat neu nachzuweisen sind. Ich glaube, er füllte diesen Zettel nie aus.

In dieser Ausgabe wird der Scheinschlag über ein Manifest "Der Glücklichen Arbeitslosen" debattieren. (schön wäre ein Link an dieser Stelle - man kann nicht alles haben)

D. und S. brauchen ihre freie Zeit. Zwar trinken sie häufig nur Tee, weil es billiger ist, aber sie haben ihre freie Zeit dazu verwendet, sich und ihre jeweiligen Wohnungen in Kunst zu verwandeln. Sie sagen, sie können mit ihrem Geld leben. Keine Reisen. Sie sind sparsam. Sie gehen selten aus. Und wenn, dann fragen sie genau nach, was es kostet.

Frau O. war die Prokuristin. Dem Zeitarbeiter, mit dem sie ihr Büro teilte, erzählte sie, sie würde sich, wenn sie nicht ihren Sohn hätte, sofort umbringen. Das Büro war eng. Dunkle Naturholzmöbel, eine Modefirma. Die Angestellten sahen wie Werbung aus. Der Chef und Firmeninhaber parkte seinen weißen Mercedes der S-Klasse immer auf dem winzigen Grünstreifen im Hof. Wenn er schlechte Laune hatte, telefonierte er immer von seinem Wagen aus. Man sah ihn häufig geparkt, den Wagen, mit laufendem Motor und einem Mann drinnen.

Manchmal mußte ich vor dem Schulungszentrum eines großen Elektrokonzerns in Bayern warten. Der Bau lag in einem Villenort, war aus Beton mit großen Fenstern. Schwimmbad im Erdgeschoß. Die Nachwuchskräfte, die da herauskamen, hatten glatte, konturlose und funktionale Gesichter. Sie wirkten kalt.

Wie gesagt, diesmal die Debatte.

Übrigens: R., als ich ihn das letzte Mal traf, war er glücklich. Es gäbe jetzt Senatsbeihilfen für Betriebe, die ihn einstellen würden. Er würde gerne in einer Buchhandlung arbeiten. Kennen Sie eine, die jemanden braucht?

GMZ

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  Ausgabe 02 - 1998